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Gesunde Berührung
Wenn ihre Enkelkinder zu Besuch kamen, wünschte sich die über 90-jährige Frau immer, dass sie ihr die Haare wuschen. „Und bitte massiert das Shampoo kräftig ein“, bat sie und erklärte: „Es tut mir einfach gut, berührt zu werden.“ Ihr Mann war vor einigen Jahren gestorben, und sie lebte allein in einem…
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von SUSANNE DONNER
Wenn ihre Enkelkinder zu Besuch kamen, wünschte sich die über 90-jährige Frau immer, dass sie ihr die Haare wuschen. „Und bitte massiert das Shampoo kräftig ein“, bat sie und erklärte: „Es tut mir einfach gut, berührt zu werden.“ Ihr Mann war vor einigen Jahren gestorben, und sie lebte allein in einem Seniorenwohnheim in Treuchtlingen.
Manch einen mag der Wunsch der mittlerweile ebenfalls verstorbenen Seniorin etwas befremden. Lediglich Babys und Kleinkindern gestehen wir ausdrücklich zu, dass sie von ihren Eltern berührt werden müssen. Neugeborene, so erkannten Forschende ab Mitte des 20. Jahrhunderts, brauchen Berührungen, um sich gesund zu entwickeln. Die sogenannte Kängurupflege auf den Frühgeborenenstationen hat sich deshalb nach und nach in ganz Deutschland durchgesetzt. Dabei wird der unbekleidete Säugling einem Elternteil auf den nackten Bauch gelegt und in Decken gehüllt. Diese frühen Berührungen verändern viel: Atemwegsinfekte werden seltener, je häufiger die Eltern mit ihrem Kind auf diese Weise kuscheln. Die Kinder legen schneller an Gewicht zu und können ihre Körpertemperatur besser halten. Autismus und ADHS treten später seltener auf. Der Kontakt tut auch ihrer geistigen Entwicklung gut.
Bei Erwachsenen jedoch erscheint uns der Hautkontakt eher als ein schönes, aber belangloses Extra. Dieser ungleiche Blick auf Berührungen von Babys und Erwachsenen hat seine Ursachen darin, dass in der Wissenschaftsgeschichte der Blick nur den Kindern galt: Weltberühmt sind die Experimente des Psychologenehepaares Harlow aus den 1950er-Jahren, das Affenbabys von ihren Müttern trennte. Diese bekamen die nötige Nahrung, wuchsen aber ohne Hautkontakt und mütterliche Liebe auf. Die Tiere verkümmerten sozial und entwickelten Verhaltensstörungen. Sie zankten sich und neigten zu Zwangshandlungen. Diese Experimente, heute von Tierschützern scharf kritisiert, leiteten ein Umdenken ein.
Bis dahin herrschte hierzulande nämlich die Einstellung vor, dass Säuglinge nur „satt, sauber und sicher“ zu sein bräuchten. Doch die Experimente der Harlows entlarvten das als Irrglauben. Zuwendung und Zärtlichkeit sind mindestens genauso wichtig für eine gesunde Entwicklung. Sie legen die Basis für jede zwischenmenschliche Bindung, arbeiteten John Bowlby und Mary Ainsworth in ihrer Bindungstheorie ab den 1950er-Jahren heraus.
Nonverbale Sprache
„Berührung ist eine zentrale nonverbale Sprache des Menschen. Lange bevor Babys sprechen können, touchieren sie die Innenwände der Gebärmutter und damit den Körper der Mutter“, sagt die Neurowissenschaftlerin Rochelle Ackerley von der Universität Marseille. Evolutionsforscher gehen sogar noch weiter. Robin Dunbar, Evolutionspsychologe an der Universität Oxford erklärt etwa, dass soziale Berührungen wie das Händeschütteln oder Umarmen von alters her äußerst mächtige Praktiken zum Aufbau zwischenmenschlicher Bindungen sind. Wir teilen sie mit den Primaten, weshalb sie wohl älter als die Sprache selbst sind.
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Die Haut ist mit zwei Quadratmetern Fläche das größte Organ des Menschen. Verglichen mit anderen Sinnen weist der Tastsinn zudem einige Besonderheiten auf: Während wir auf Distanz sehen und hören können, spüren wir einen anderen Menschen nur über unsere Haut, wenn wir ihn berühren. Und: Nicht einmal nachts macht unsere Berührungssensibilität Pause, sondern meldet unablässig ans Gehirn, wie uns etwa die Bettdecke umgibt oder wenn uns eine Mücke sticht. Der Geruchssinn schläft indes. Das ist, nebenbei bemerkt, unpraktisch und gefährlich, weil wir durch den Rauch eines Feuers nicht geweckt werden.
Über 130 Studien mit rund 12.000 Teilnehmenden zeigen, dass soziale wie auch therapeutische Berührungen sich durchweg positiv auf die psychische Gesundheit auch von Erwachsenen auswirken. Gerade kranke Personen profitieren davon: Schmerzen, ob infolge einer Krebserkrankung oder wegen eines Rückenleidens, bessern sich, je mehr Umarmungen oder Massagetherapie die Betroffenen erhalten. „Die Art der Berührung scheint nicht so entscheidend zu sein, sondern vor allem die Häufigkeit: Je öfter, umso ausgeprägter sind die Effekte“, sagt der Neurowissenschaftler Julian Packheiser von der Ruhr-Universität Bochum, der die Datenlage 2024 im Journal Nature Human Behaviour ausgewertet hat.
Bei Depressionen
Besonders stark sind die Effekte von Berührungen bei Menschen mit Ängsten und Depressionen. Die Wirkung ist sogar ähnlich stark wie die von Medikamenten. Doch Packheiser beeilt sich hinterherzuschicken, dass er damit keinesfalls den Nutzen von Psychopharmaka in Abrede stellen wolle. „Massagetherapie oder andere Formen der Berührungsbehandlung können die Medikamente wirksam ergänzen und sind gerade für Patientinnen und Patienten, die nicht auf Medikamente ansprechen, sehr bedeutsam.“ Etwa ein Drittel der Menschen mit Depression hat trotz Psychopharmaka Beschwerden.
Nicht mit einbezogen hat Packheiser eine Studie, die bereits 2020 im Journal Brain Science erschien: Michaela Maria Arnold von der Universität Würzburg untersuchte die Wirkung von gezielten therapeutischen Berührungen bei Menschen mit Depression genauer: Sie teilte 57 Teilnehmende in zwei Gruppen ein. Die eine nahm an einem Kurs in Progressiver Muskelentspannung teil. Das ist ein anerkanntes Verfahren zur Entspannung und zum Abbau von Stress. Die übrigen bekamen eine Behandlung, bei der der ganze Körper nach einem vorgegebenen Prozedere sanft gestreichelt wurde. Dehnendes Streichen und sanftes Kneten gehörten ebenfalls zu der Massage, die Arnold als „psychoaktiv“ beschreibt. Solche Berührungen sind nicht mit einer Physiotherapie bei Verspannungen zu vergleichen, bei der gezielt und mitunter durchaus schmerzhaft bestimmte Areale gedrückt und massiert werden.
Die Teilnehmenden bekamen ein bis zwei Mal pro Woche jeweils eine einstündige Behandlung. Nach vier Wochen verglich Arnold den psychischen Zustand der beiden Gruppen mit standardisierten Fragen. „Der Unterschied war deutlich, und die Wirkung vergleichbar mit Medikamenten“, unterstreicht auch der Mitautor und Vorsitzende der kürzlich gegründeten Deutschen Gesellschaft für Berührungsmedizin Bruno Müller-Oerlinghausen. Die Betroffenen, die berührt worden waren, schliefen besser und waren weniger rastlos. Sie waren weniger schmerzempfindlich, hatten mehr Antrieb und zeigten sich hoffnungsvoller. Das Entspannungstraining hatte dagegen keine vergleichbare Wirkung.
Die Medizinerin Sabine Baumgart von der Universität Halle verglich im selben Jahr die klassische Massage und eine psychoaktive Massage, die auf sanftem Streicheln beruhte, an 66 Personen mit chronischen Rückenschmerzen. Die Hälfte erhielt die übliche physiotherapeutische Behandlung, und die andere ließ sich am ganzen Körper sanft berühren. Zehn Mal kamen alle in den Genuss dieser unterschiedlichen Körpertherapien.
Drei Monate später erhob Baumgart den Grad an Schmerzen und das Ausmaß an Niedergeschlagenheit – denn Personen mit andauernden Rückenbeschwerden sind oft bedrückt bis depressiv. Jene, die sanft gestreichelt worden waren, hatten deutlich weniger Schmerzen. Von einer Reduktion um 46 Prozent berichtet Baumgart im Journal Brain Sciences. Die Stimmung der Betroffenen hatte sich ebenfalls aufgehellt. Gängige Physiotherapie half dagegen nicht so ausgeprägt.
Fasern und Neuronen
„Es kommt also sehr wohl darauf an, wie Betroffene berührt werden“, meint der Experte und widerspricht damit Packheiser. Schon Ende der 1980er-Jahre wurden in der menschlichen Haut besondere Mechanorezeptoren – Sinneszellen, die mechanische Kräfte in elektrische Nervenerregung umwandeln – entdeckt. Sie werden auch „C-taktile Fasern“ genannt, und die Neuronen darin feuern beim sanften Streicheln der Haut besonders intensiv. Sie lassen uns den Wind und die Bewegung von Kleidung auf der Haut spüren, in dem sie dem Gehirn die Art der Berührung melden. Die C-taktilen Fasern müssen aktiv werden, um eine optimale Wirkung zu erzielen, schließt Baumgart aus ihrer Studie und steht damit in einer Linie mit Müller-Oerlinghausen. Die Übertragung ist vergleichsweise langsam, da die Fasern nicht von einer sogenannten Myelinschicht umhüllt werden, die eine noch schnellere Erregungsleitung ermöglichen würde. Indes wird ein Stich mit einer Nadel oder ein Schnitt mit einem Küchenmesser wesentlich schneller über andere Nervenzellen weitergegeben. Diese sind myelinisiert.
Rochelle Ackerley von der Universität Marseille fand heraus, dass die C-taktilen Fasern besonders kräftig feuern, wenn mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Zentimetern pro Sekunde über die Haut gestrichen wird. Dieses Streicheln empfinden Menschen auch als besonders schön. Bei langsamerem Tempo von 0,3 Zentimeter pro Sekunde oder schnelleren Berührungen von 30 Zentimetern pro Sekunde reagieren die Neuronen viel schwächer. Der Kontakt gefällt auch nicht so sehr.
Entscheidend ist allerdings auch die Temperatur. „Der Bereich, in dem wir Berührung als angenehm empfinden, ist erstaunlich schmal“, sagt Ackerley. „Bei 32 Grad Celsius ist Berührung besonders wohltuend, was im Übrigen genau der Temperatur von zwischenmenschlichem Hautkontakt entspricht. „Wir sind soziale Wesen, die auf Berührung von anderen angelegt sind“, erklärt Ackerley. Schon bei 25 Grad oder auch bei 40 Gard Celsius beurteilen Menschen die Berührung als unangenehmer. Die C-taktilen Fasern feuern schwächer.
Im Alter, so fand Ackerley jüngst heraus, nimmt die Ansprechbarkeit der C-taktilen Fasern in den Fingerkuppen ab, nicht aber in anderen Hautregionen. Wird jedoch die Hautfeuchtigkeit der Hände mit einem Öl oder einer Creme erhöht, verbessert sich der Tastsinn älterer Menschen deutlich. Die alterungsbedingte Einbuße lässt sich sogar gänzlich ausgleichen.
Die besondere Rolle der C-taktilen Fasern hat dazu geführt, dass ein Teil der Forschenden fest davon ausgeht, dass diese Nervenzellen aktiviert werden müssen, damit eine Berührung die Gesundheit maximal fördert. Andere sehen hingegen keinen Vorrang der „Streichelneuronen“. Wichtig sei vielmehr, glaubt Packheiser, dass die Berührung erwünscht ist. An den Studien nehmen naturgemäß nur Personen teil – in Packheisers Analyse waren es zu 83 Prozent Frauen –, die berührt werden wollen. „Aber es gibt auch viele Menschen, die es nicht mögen, von anderen angefasst zu werden“, erklärt er und findet: „Das ist vollkommen in Ordnung.“ Bei diesen Berührungsabstinenten könne sich der gesundheitsfördernde Effekt vielleicht sogar ins Gegenteil verkehren, wenn sie gestresst reagieren, sobald eine andere Person sie anfasst. Studien zur Berührungsaversion fehlen allerdings bisher.
Berührungskulturen
Was guttut, hängt auf jeden Fall auch von sozialen und kulturellen Normen und der eigenen Biografie des Körperkontakts ab. Wie vielfältig die Praktiken sein können, lässt ein internationales Team aus Forschenden erahnen, das 14.000 Personen aus 45 Ländern befragte, wen sie in der Woche zuvor umarmt, geküsst oder gestreichelt hatten. Die Antworten verrieten dem Team, wie bunt die Berührungskultur ist. Es gibt Menschen, die zu anderen keinen Körperkontakt suchen, und solche die ihre Zärtlichkeiten kaum noch zählen können. Die meisten Berührungen gibt es, wenig überraschend, zwischen Paaren sowie zwischen Eltern und Kindern. Aber auch die Region spielt eine Rolle: Je wärmer ein Land ist, desto mehr Hautkontakt gibt es.
Besonders wirksam, wie es die ältere Dame im Seniorenheim intuitiv erkannt hatte, sind den bisherigen Studien zufolge Berührungen des Kopfes. Sie dämpfen Schmerzen, Niedergeschlagenheit und Ängste stärker, als wenn beispielsweise nur der Arm touchiert wird. Sobald Kopf und Nacken berührt werden, sprechen das parasympathische Nervensystem und auch der Vagusnerv an. Das parasympathische Nervensystem sorgt für Entspannung und Regeneration und gilt als Gegenspieler zum Sympathicus, der unsere Leistungsbereitschaft sowie schnelle Reaktionen sicherstellt.
Sogar Berührungen des Rückens sind wirksamer als das Streicheln des Arms. „Areale, die wir selbst nicht erreichen können, sind empfänglicher für positive Wirkungen“, so Müller-Oerlinghausen. Der Experte geht davon aus, dass sanfte Berührungen auch deshalb positiv wirken, weil sie die Fähigkeit zur Introzeption, also den eigenen Körper zu spüren, anregen. Hinzu kommen die hormonellen Folgen des Berührtwerdens: Es senkt den Spiegel des Stresshormons Cortisol und erhöht den Pegel an Oxytocin, das für Bindung und Geborgenheit sorgt. Deshalb hellen Zärtlichkeiten und Massagen, wie die Studien gezeigt haben, oft merklich die Stimmung auf.
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