von ROLF HEßBRÜGGE
Andreas Roth hat den untrüglichen Expertenblick. „Ich kann Freunde oder Bekannte oft schon aus weit über 100 Meter Entfernung identifizieren“, sagt der Chefarzt für Orthopädie und Endoprothetik am Universitätsklinikum Leipzig. „Noch bevor ich das Gesicht des betreffenden Menschen klar sehe, erkenne ich ihn anhand seines Ganges.“ Mit etwas Übung kann man diese Fertigkeit auch als Laie erlernen, denn das Gangbild, also das Zusammenspiel aller körperlichen Bewegungs- und Stützaktivitäten bei der Fortbewegung zu Fuß, ist wie ein motorischer Fingerabdruck.
Im klinischen Alltag muss Roth kleinste Störungen im Gangbild seiner Patienten ermitteln, um daraus Rückschlüsse auf schwer zu ergründende Beschwerden ziehen zu können. „Das ist mitunter sehr schwierig, denn oft befindet sich der Ursprung von Beschwerden ganz woanders als der Schmerz selbst.“ Der menschliche Bewegungsapparat ist hochkomplex: Schon eine leichte Schonhaltung der linken Schulter, etwa infolge einer Arthrose, kann eine Fehlbelastung bewirken, die zu einer chronisch-schmerzhaften Überlastung des rechten Sprunggelenks führt. „Die Abweichungen, nach denen wir suchen, sind in manchen Fällen so graduell, dass nicht mal ich und meine Kollegen sie mit bloßem Auge erkennen können“, gesteht Roth.
Im 3D-Ganglabor
Für besonders komplizierte Fälle verfügt das Universitätsklinikum Leipzig seit rund einem Jahr über ein hochmodernes 3D-Ganglabor. Dort untersucht Roth seine Patientin Andrea Schlicke. Sie litt an einer angeborenen Hüftdysplasie, die Gelenkpfanne fasste den Hüftgelenkkopf nicht ausreichend ein. Die Folge: partielle oder gar vollständige Hüftluxationen (Auskugelungen), die zu übermäßigem Verschleiß und starken Akutschmerzen führten. 2016 erhielt die Patientin deshalb ein künstliches Hüftgelenk. Bei der Operation konnten zudem drei Zentimeter Beinlängendifferenz ausgeglichen werden. Doch die Leipzigerin spürt immer noch Schmerzen im Bereich des Hüftgelenks.
Per Ganganalyse soll nun geklärt werden, woher diese Beschwerden stammen. Schlicke beginnt auf Kommando, eine markierte, ebene Strecke auf- und abzugehen, immer wieder. An ihren Beinen sind hinauf bis zur Hüfte 17 sogenannte 3D-Marker befestigt. Die kleinen silberfarbenen Aufsätze reflektieren das Licht, das von zehn Infrarot-Kameras an den umliegenden Wänden abgegeben wird. So lassen sich die Ortskoordinaten der Gliedmaßen und Gelenke millimetergenau erfassen. Synchronisiert mit den Aufnahmen von zwei Videokameras – die eine filmt von vorn und von hinten, die andere von der Seite –, ergeben die Daten eine instrumentelle 3D-Analyse: eine statistisch bereinigte Computer-Animation des Gangbildes der Patientin.
Ergänzt werden die Informationen durch zwei im Boden eingelassene Kraftmessplatten in der Mitte der Gehstrecke. Die Messplatten ermitteln die sogenannte Bodenreaktionskraft, also jene Kraft, die während der Standbeinphasen zwischen Gliedmaßen und Boden wirkt. So lässt sich ermitteln, ob die Patientin beide Beine gleich stark belastet oder eines schont – etwa aufgrund einer Schwäche im Bewegungsapparat. „Unser 3D-Ganglabor ist der Goldstandard für die Ganganalyse“, sagt Roth über die rund 180.000 Euro teure Einrichtung. „Der Algorithmus ermittelt etwa 1000 physikalische Einzelfaktoren – sogenannte Mikroparameter – und bricht diese dann auf rund 100 medizinisch besonders relevante Daten herunter“, erklärt der Orthopäde. Dazu zählen neben Gangrhythmus sowie Gehgeschwindigkeit auch zahlreiche Kraft- und Beschleunigungswerte, außerdem die Winkel der einzelnen Gelenke während des Gehens. Auffällige Werte werden, ähnlich wie bei einem Blutbildbefund, vom Computer gekennzeichnet.





