Das Gesicht eines Menschen beeinflusst unbewusst, wie wir dessen Stimmung, Fähigkeiten oder Charakter einschätzen. So gelten Männer mit kantigem Kinn als durchsetzungsstark, mutig und kompetent, schmale Augen und ein fliehendes Kinn hingegen als wenig vertrauenswürdig. Allerdings: An diesen Zuschreibungen ist nichts dran, wie Studien immer wieder belegt haben. Dennoch hält sich dieser Irrglaube hartnäckig – kaum jemand kann sich dieser unterbewussten Einordnung entziehen.
Doch dieser fehlgeleitete „Face-Ism“ hat Folgen: Die Bewertung nach dem Augenschein kann Wahlentscheidungen, Karrierechancen und sogar Gerichtsurteile beeinflussen, wie Studien belegen.

Welchen dieser Männer halten Sie für kompetenter? — © Lehr et al./ PNAS Nexus, CC-by 4.0
Wie objektiv ist die künstliche Intelligenz?
Könnte künstliche Intelligenz dieses Problem lösen? Immerhin werden KI-Modelle inzwischen zunehmend auch als Entscheidungshilfen bei Vorstellungsgesprächen, bei der Kreditvergabe oder anderen Beurteilungen eingesetzt. „Ein Versprechen der KI war immer ihr Potenzial, solche Entscheidungen präziser und fairer zu treffen als Menschen“, erklären Forscher um Steven Lehr von Cangrade, einer US-Firma, die künstliche Intelligenz genau dafür nutzt.
Aber wie objektiv sind fortgeschrittene KI-Modelle, wenn es um menschliche Gesichtszüge geht? Lassen auch sie sich von der Physiognomie zu falschen Zuschreibungen verführen – oder sind sie tatsächlich objektiver als wir Menschen? Genau das haben Lehr und seine Kollegen in 13 Experimenten mit vier gängigen KI-Modellen untersucht. Zunächst absolvierte GPT-4o sieben Experimente, dann wiederholte das Team zwei davon mit den KI-Modellen GPT-5, Gemini 3 Flash Preview und Claude Sonnet 4.5.
GPT ist fehlgeleiteter als wir Menschen
In den Experimenten absolvierten die KI-Modelle fast 8000 Entscheidungstests, in denen sie zwischen zwei Gesichtern wählen sollten. „Diese computergenerierten Porträts wurden schon in früheren Studien mit Menschen eingesetzt. Sie sind so designt, dass ihre Physiognomie verschiedene Grade von Vertrauenswürdigkeit oder Kompetenz widerzuspiegeln scheint“, erklären die Forscher. Die Gesichtspaare unterscheiden sich beispielsweise in Augenform und Größe, der Kinnpartie oder der Mundstellung.





