Das Bohrloch Munster Südwest Z03 in der Lüneburger Heide ist ein Glücksfall. In 5.000 Metern Tiefe liegt dort ein Thermalsee mit 160 Grad heißem Wasser. Jahrelang hatte Jan Niemann, Chef der Stadtwerke Munster-Bispingen, dafür geworben, mit dem Wasser dieses unterirdischen Sees die benachbarte Bundeswehrkaserne zu beheizen.
Doch keine einzige Bank war bereit, 15 Millionen Euro vorzuschießen, die eine Bohrung für dieses Geothermie-Projekt gekostet hätte. Niemann gab nicht auf, wälzte alte Unterlagen und stieß auf dieses 2009 stillgelegte Bohrloch von Exxon Mobil. Eine Win-win-Situation: Der Energiekonzern, der dort einst Erdgas gefördert hatte, war froh darüber, das Loch los zu sein. Und die Stadtwerke sparten sich die teure Bohrung.
Die 15.000-Einwohner-Stadt Munster ist der größte Standort des deutschen Heeres; über 5.000 Soldaten sind dort stationiert. Ein Testlauf ergab: Durch das alte Bohrloch strömt genug heißes Wasser, um die Kasernen künftig mit umweltschonender Erdwärme zu beheizen. Und noch etwas: Das reichlich sprudelnde Thermalwasser enthält in hoher Konzentration Lithium, den begehrten Rohstoff für E-Auto-Batterien. Für die Stadtwerke könnte sich das als Goldgrube erweisen. Zunächst jedoch muss das Bohrloch ertüchtigt werden.
Lithium gilt als Schlüsselrohstoff der Verkehrswende. Das Leichtmetall ist unverzichtbarer Bestandteil von Lithium-Ionen-Batterien, dem Herzstück jedes Elektroautos. Ebenso steckt es in Großspeichern für überschüssigen Wind- und Sonnenstrom. Die EU ist fast vollständig auf Lithium-Importe angewiesen. Die größten Abbauländer sind Chile und Australien: Zusammengenommen fördern sie über drei Viertel des weltweiten Bedarfs. Doch die restliche Lieferkette von der Gewinnung bis zur Verarbeitung wird von China dominiert. Rund zwei Drittel aller Lithium-Ionen-Akkus, die Deutschland im vergangenen Jahr importiert hat, stammten aus der Volksrepublik.
Lithium im Norddeutschen Becken
Um die Abhängigkeit von China zu verringern, will die EU künftig mehr Rohstoffe fördern und die Rohstoffveredelung ausbauen. Zudem soll das Recycling gestärkt werden. Der Critical Raw Materials Act schreibt vor, dass bis 2030 zehn Prozent des Bedarfs an Schlüsselrohstoffen in Europa gefördert, 40 Prozent zu Vorprodukten verarbeitet und 25 Prozent durch Recycling gewonnen werden sollen.
Für Lithium könnte das gelingen. In Spanien, Portugal und Serbien gibt es größere Lagerstätten. Auch das Vorkommen bei Munster hat großes Potenzial. Die Stadt liegt im Norddeutschen Becken, das sich von den Küsten der Nord- und Ostsee bis zu den Mittelgebirgen erstreckt. Im Tiefenwasser des Norddeutschen Beckens sind Millionen Tonnen Lithium gelöst. Besonders hohe Konzentrationen mit bis zu 600 Milligramm Lithium pro Liter finden sich im Wasser unter dem Rotliegenden, einer rund 300 Millionen Jahre alten Gesteinsformation aus Sandsteinen und Vulkaniten in drei bis fünf Kilometer Tiefe.






