Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags: Sie hilft uns beim Erstellen von Texten, Bildern und Videoclips, analysiert Daten und nimmt uns Routineaufgaben ab. Auch zur Ideenfindung und bei kreativen Prozessen sind generative KI-Modelle beliebt. In puncto Kreativität schneiden ChatGPT, Claude, Gemini und Co dabei manchmal sogar besser ab als wir Menschen. Allerdings gibt es auch eine Schattenseite: Im Frühjahr 2026 ergab ein Experiment, dass die KI-Modelle zwar individuelle und kreative Lösungen liefern. Diese sind sich aber insgesamt ähnlich, dadurch verschwindet die kreative Vielfalt.
Was Sprache verrät
Jetzt warnen Forschende vor einem weiteren Gleichmacher-Effekt der künstlichen Intelligenz: Sie homogenisiert auch unsere Sprache und lässt unsere individuellen Ausdrucksweisen verschwinden. „Sprache ist viel mehr als nur ein Kommunikationsmittel: Sie enthält eine Fülle an Informationen über die Identität, den psychologischen Zustand und den sozialen Kontext einer Person“, erklären Zhivar Sourati von der University of Southern California in Los Angeles und seine Kollegen.
Selbst wenn mehrere Menschen die gleichen Inhalte kommunizieren, tun sie dies auf ihre ganz eigene Weise: Sie nutzen für sie typische Formulierungen, haben bestimmte Eigenheiten im Satzbau oder bevorzugen bestimmte Begriffe. Diese persönliche Note in der Sprache wiederum kann einiges darüber verraten, wer wir sind und wie wir denken. „Diese Vielfalt verwandelt Sprache von einem bloßen Medium für den Informationsaustausch in eine einzigartige Signatur von Individuen und Gesellschaften“, so Sourati und sein Team.

Künstliche Intelligenz kann uns helfen, kreativ und schöpferisch zu sein. Doch es gibt Nachteile. — © Peshkova/ iStock
Sprachliche Komplexität und Vielfalt sinken durch KI
Doch was passiert, wenn immer mehr Menschen nicht mehr selbst schreiben, sondern ihre Texte von einer künstlichen Intelligenz verfassen oder optimieren lassen? Das haben Sourati und seine Kollegen jetzt anhand von mehr als 880.000 englischsprachigen Texten aus den Bereichen kreatives Schreiben, Nachrichten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen untersucht. Sie analysierten, wie vielfältig und individuell die Sprache dieser Texte vor und nach Einführung von ChatGPT im November 2022 war und welche linguistischen Parameter verändert waren.
Die Analysen bestätigten: Bei allen Textsorten haben die sprachliche Komplexität und Vielfalt signifikant abgenommen, seitdem ChatGPT und Co. im Einsatz sind. „Es ist nicht so, dass die Sprache dieser Texte simpler wurde, aber die Diversität nahm ab“, erklärt Sourati. „Von Natur aus formulieren einige Menschen eher kurz und direkt, andere nutzen seltenere Ausdrücke und komplexere Satzkonstruktionen. Das verschwindet durch die Sprachmodelle, die Stile werden ähnlicher.“ Besonders stark zeigte sich dies bei kreativen Texten und Fachpublikationen, in geringerem Maße bei journalistischen Nachrichtenmeldungen.
Ähnliches zeigte sich in einem ergänzenden Experiment, in dem Sourati und sein Team 1000 von Menschen verfasste Texte durch gängige KI-Modelle sprachlich optimieren und umschreiben ließen. Auch hier zeigte sich der gleiche Trend: Inhaltlich blieben die Texte vor und nach dem Umschreiben zwar zu 87 Prozent ähnlich. Die sprachliche Komplexität war durch das KI-Editieren aber um 21 bis 50 Prozent gesunken. „Dies demonstriert, dass die Nutzung von KI unsere Sprache einförmiger und einander ähnlicher macht“, konstatieren die Forschenden.
KI-Modelle formulieren männlich, älter und eher liberal
Interessant auch: Die künstlichen Intelligenzen modifizieren und glätten unsere individuellen Spracheigenheiten nicht willkürlich, sondern auf eine ganz bestimmte Weise. „Die von den Sprachmodellen bearbeiteten Texte weisen linguistische Merkmale auf, die typischerweise mit älteren, männlichen und politisch liberalen Personen assoziiert werden“, berichten Sourati und seine Kollegen. Sprachliche Indizien für Empathie werden weniger, positive moralische Wertungen stärker.
Das bedeutet: Die sprachliche Vielfalt wird nicht nur formell eingeengt, auch die charakteristischen Ausdrucksweisen bestimmter Bevölkerungsgruppen oder Persönlichkeitstypen verschwinden zunehmend. „Allgemein gesprochen sinkt damit unsere Fähigkeit, Aspekte unserer Identität durch Sprache zu kommunizieren oder wahrzunehmen“, erklären Sourati und sein Team. Das könnte Folgen beispielsweise für die Jobwerbung, soziale Medien, die Psychologie oder auch soziologische Forschungen haben.
Sprache beeinflusst auch unser Denken
Diese Homogenisierung der Sprache ist weit mehr als nur eine linguistische Feinheit. „Sprache und Denken sind untrennbar miteinander verknüpft: Die Art, wie wir denken, beeinflusst unsere Sprache und umgekehrt“, erklärt Sourati. Wenn die Sprache zunehmend gleichförmiger wird, beeinträchtigt dies daher unsere kognitive Vielfalt. „Die sprachliche Homogenisierung droht, genau jene Denkweisen einzuschränken, mit denen wir Ideen begründen und durchdringen.“
Die Resultate bestätigten damit: Es ist verführerisch, sich von der künstlichen Intelligenz geistige Arbeit abnehmen zu lassen. Doch auf lange Sicht zahlen wir dafür womöglich einen hohen Preis. Denn je mehr wir uns auf KI verlassen, desto leiser und weniger werden individuelle und kreative Ausreißer – im Guten wie im Schlechten. „Konformität bekommt Vorrang vor Individualität“, charakterisieren Sourati und seine Kollegen den Trend.
Quelle: Zhivar Sourati (University of Southern California, Los Angeles) et al., Nature Human Behaviour, 2026; doi: 10.1038/s41562-026-02550-0





