15 Jahre Science Busters
Heute, nach 15 Jahren Wissenschaftsshows, können wir in unserer 35. Kolumne für das bei Alt und Jung beliebte Periodikum bild der wissenschaft freudestrahlend verkünden: Es hat sich einiges verändert! Leider vor allem wir selbst. Sonst steckt die Welt nach wie vor voller esoterischem Unsinn, der seinen Weg mitten in die Gesellschaft, teilweise sogar auf Regierungsbänke und Universitäten, geschafft hat. Wie verheerend sich das auswirken kann, haben wir während der laufenden Pandemie erleben müssen. Heerscharen von Nichtswissern und Nichtwisserinnen haben sich plötzlich als Fachkräfte für Virologie, Impfstoffherstellung und Epidemiologie aufgespielt. Als Experten für „Normale Grippewellen“, an denen das einzig Normale ist, dass jedes Jahr Tausende Menschen nur deshalb daran sterben, weil viele andere so rücksichtslos und selbstsüchtig und faul sind, sich nicht impfen zu lassen – und dafür auch noch als „Impfskeptiker“ geadelt werden wollen. Als ob es so was gäbe. Mit Skepsis hat der esoterische Unsinn gar nichts zu tun.
Aber davon wollen wir uns die Feierlaune nicht trüben lassen – schließlich wird man nicht alle Tage 15 Jahre – und auf das Jubiläum anstoßen! Und zwar, indem wir endlich schaffen, was so viele Esoterikerinnen und Esoteriker immer wieder fordern, nämlich die beiden Welten miteinander zu vermählen. Und uns einen homöopathischen Vollrausch zulegen.
Laut ihrem Erfinder Samuel Hahnemann wird in der Homöopathie eine Ursubstanz umso wirksamer, je umfangreicher sie dynamisiert und potenziert wird. In der schlichten Welt der Naturwissenschaften nennt man das schütteln und verdünnen. Und genau das muss man machen, um einen homöopathischen Vollrausch zu erzeugen. Als Ursubstanz nehmen wir den Science-Busters-Gin, den wir zum Geburtstag destillieren ließen – ein Schnaps mit 41 Prozent.
Davon kommt mittels Pipette ein Milliliter in einen Becher, in dem ein Zehntelliter Wasser ist. Die Flüssigkeit in dem Becher enthält somit ein Hundertstel des Alkohols. Die Homöopathie sagt zu so einer Verdünnung C1. Nun muss noch geschüttelt werden. Und zwar nicht irgendwie, sondern genau zehnmal. Sonst wirkt es nicht. C1 entspricht übrigens einer ganzen Flasche Gin verdünnt in einer Badewanne voller Wasser. Davon kann kein Mensch betrunken werden. Deshalb erzeugen wir nach demselben Prinzip C2: 1 Milliliter aus C1 in einen Becher mit einem Zehntelliter Wasser geben. Nach dem Schütteln haben wir eine Verdünnung, wie wenn man eine Flasche Gin in einen Tankwagen voller Wasser geschüttet hätte.
Wenn Sie jemals mit Homöopathie zu tun hatten, dann wissen Sie: C2 ist noch gar nichts. Höre ich C8? Bitte sehr, das entspräche bereits einer Verdünnung des Gins in der gesamten Nordsee. Wir erhöhen auf C12. Nach dem Schütteln besitzen wir eine Verdünnung des Gins im Volumen der gesamten Erde! Na, bumsti! Muss man dieses Gemisch sicherheitshalber für Kinder unerreichbar aufbewahren? Naja. Statistisch gesehen befindet sich kein einziges Molekül Gin mehr in dem Mix. Nur noch Wasser. Trotzdem keine Müdigkeit vorschützen, in der Homöopathie wird potenziert, bis der Notarzt kommt beziehungsweise die Alternativmedizinerin. C24 im Volumen des Sonnensystems, C54 in dem der Milchstraße, und C74 heißt einmal verdünnen im gesamten Universum. Und natürlich schütteln. Ganzes Universum? Mehr geht per Definition nicht, sagen Sie? Sie haben keine Ahnung. Ein echter Homöopath hört auch bei C100 noch nicht auf, also beim Volumen von 100 Billiarden Billiarden Billiarden Universen! Wo er die hernimmt? Natürlich aus seiner Fantasie. Wie fast alles andere auch, was er so erzählt, wenn er behauptet, er betreibe Medizin.





