Geschlechtsspezifische Gene sind auch außerhalb der Sexualorgane aktiv. Sie bestimmen unter anderem darüber mit, wie groß wir werden, wie sich unsere Organe entwickeln und wie unser Immunsystem arbeitet. Doch bereits frühere Studien haben nahegelegt, dass eine klare Unterscheidung zwischen männlich und weiblich in den meisten Teilen unseres Körpers nicht möglich ist. So sind zwar Männer beispielsweise durchschnittlich größer als Frauen, doch wir können nicht allein anhand der Größe auf das Geschlecht einer Person schließen. Ähnlich verhält es sich mit angeblichen Geschlechtsunterschieden im Gehirn. Auch hier sind die Überlappungen zwischen Männern und Frauen so groß, dass sich kein eindeutig „männliches“ oder „weibliches“ Gehirn definieren lässt.
Mischung von männlich und weiblich
Ein Team um Chen Xie vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön hat nun untersucht, wie stark männliche und weibliche Gene in den verschiedenen Teilen des Körpers aktiv sind. „Wir haben einen Sex-Bias-Genexpressions-Index entwickelt, der die Männlichkeit oder Weiblichkeit jedes Organs widerspiegelt“, berichten die Forschenden. Diesen Index wendeten Xie und seine Kollegen auf vier verschiedene Arten von Mäusen an, bei denen sie jeweils untersuchten, wie stark männliche und weibliche Gene in jedem Organ abgelesen werden. Anschließend übertrugen sie die Ergebnisse auf bereits früher erhobene Daten zur Genexpression beim Menschen.

Das Ergebnis: In den meisten Organen waren sowohl männliche als auch weibliche Gene aktiv. Die Überschneidungen zwischen den Geschlechtern waren dabei so groß, dass sich allein anhand der Genexpression nicht bestimmen ließ, ob das jeweilige Organ von einer männlichen oder einer weiblichen Maus stammte. Eindeutig war der Unterschied lediglich bei den Hoden und Eierstöcken. Bei Leber und Nieren stellten die Forschenden zumindest geschlechtliche Tendenzen fest. Viele weitere Organe– darunter auch das Gehirn – wiesen dagegen kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. In manchen Organen männlicher Tiere waren sogar mehr weibliche als männliche Gene aktiv und umgekehrt.
Beim Menschen waren die Unterschiede sogar noch geringer als bei den Mäusen. „Insgesamt gibt es bei Menschen weniger geschlechtsspezifische Gene als bei Mäusen und die Verteilungen bei den somatischen Organen überschneiden sich stark“, berichten Xie und seine Kollegen. So kann zum Beispiel das Herz mancher Männer stärker weiblich geprägt sein als das mancher Frauen. Zugleich können andere Organe bei der gleichen Person eine eher männliche Genexpression aufweisen. „Innerhalb des gleichen Individuums gibt es mit Blick auf die Genexpression sowohl eher männlich als auch eher weiblich geprägte Organe“, erläutern die Forschenden.





