Text: Stephanie Eichler
Man nehme die Alge Spirulina, Blaubeer- und Gojibeeren, zusätzlich Königsbasilikum, Spinat und rund 20 weitere Pflanzen, trockne und mahle sie. Es entsteht ein Zaubertrank in Pulverform – zumindest, wenn man den Herstellern glauben mag. „Athletic Greens“ verspricht auf seiner Internetseite: Das Produkt „steigert die Energie“, „beschleunigt die Regeneration“, „fördert die geistige Fitness“. Schließlich würde die „wirksamste und bioverfügbarste Form jedes einzelnen Inhaltsstoffes … auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“ ausgewählt.
Solche Verheißungen scheinen Interesse zu wecken: Nahrungsergänzungsmittel, NEM, zu denen Greens gehören, sind ein stark wachsender Markt. Das Statistische Bundesamt teilt mit, dass im Jahr 2020 in Deutschland rund 180.200 Tonnen NEM produziert wurden, knapp elf Prozent mehr als im Vorjahr. Meist gehen Präparate mit Vitaminen und Mineralstoffen über den Ladentisch, doch zu zwölf Prozent auch pflanzliche Mittel wie „Greens“. Das englische Wort für „Blattgemüse“ steht für eine Vielzahl von Gemüse- oder Pflanzenpulvern. Doch das klang den Herstellern wohl irgendwie zu langweilig.
Aber was leisten die pulverisierten Pflanzenteile tatsächlich? Auf welche „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ stützt sich die Zusammensetzung? Mails mit diesen Fragen an die beiden Hersteller „Primal State“ und „alphafoods“, die das Produkt mit dem schönen Namen „Grüne Mutter“ vertreiben, bleiben unbeantwortet. Nur mit Yadh Djerad vom „EU Customer Happiness Team“ von „Athletic Greens“ ergibt sich ein längerer E-Mail-Wechsel. Doch weder er noch seine Kollegen, an die er die Anfrage weiterleitet, informieren. „Falls Du weitere Fragen an uns hast, kannst Du Dich jederzeit an uns wenden.“ Diese Formel, die Djerad bei jeder Nachricht wiederholt, verspricht mehr, als sie hält. So wie die Produkte selbst?
Die Auskünfte von Jan Frank sind ergiebiger. Er ist Professor für Biofunktionalität der Lebensmittel an der Uni Hohenheim und erforscht Stoffe, die in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden. Dabei arbeitet er auch mit Firmen zusammen, die NEM herstellen. „Greens können eine vernünftige Ernährung mit Vollkorngetreide, Nüssen, viel Obst und Gemüse nicht ersetzen“, ist sich der Wissenschaftler sicher. Die gesundheitsfördernde Wirkung einer abwechslungsreichen und vor allem pflanzenhaltigen Kost sei belegt. Studien, die zeigen, dass Greens die Energie oder geistige Fitness fördern, kenne er hingegen nicht. Um zu klären, ob spezielle Nahrungsmittel gesund sind, also vor Krankheiten schützen, sind aufwendige Forschungsarbeiten erforderlich. Da Erkrankungen sich oft über Jahrzehnte entwickeln, müssen viele Tausend Menschen über lange Zeiträume begleitet werden. Greens wurden bislang nicht unter solchen Rahmenbedingungen getestet.





