Warum das ein vielversprechender Ansatz ist, liegt für viele Leute auf der Hand. Immerhin ist die Erde unterhalb ihrer dünnen Kruste nichts anderes als eine große Kugel aus glühend heißem Gestein. In ihr steckt also jede Menge Wärmeenergie – die bislang jedoch kaum genutzt wird: Geowissenschaftler schätzen, dass uns bereits in den oberen 10 Kilometern der Erdkruste theoretisch etwa 1027 Joule an Wärmeenergie zur Verfügung stehen würden. Genug, um den aktuellen Energieverbrauch der Menschheit von etwa 5⋅1020 Joule für mehrere Hundert Millionen Jahre zu decken.
Aber letztlich ist das natürlich nur eine Milchmädchenrechnung: Dass diese Energie vorhanden ist, heißt noch lange nicht, dass man sie auch für die Stromerzeugung nutzen kann. Zwar reichen dafür bereits Temperaturen von wenigen Hundert Grad Celsius, also eigentlich Peanuts im Vergleich zu den typischen Temperaturen im Erdinnern. Gleichzeitig gibt es aber nur wenige Orte auf der Erde, an denen diese Temperaturen bereits wenige Kilometer unter der Oberfläche erreicht werden – und damit auch nur wenige Orte, an denen Geothermie kosteneffizient zum Einsatz kommen kann. Denn wenn man tiefer bohren muss, steigen die Kosten schnell drastisch an.
Bislang war ich deshalb davon überzeugt, dass Geothermie in der Praxis nur einen geringen Beitrag zur globalen Energieerzeugung leisten könnte. Einfach, weil sie im großen Maßstab nicht rentabel ist.
Zumindest war das meine Argumentation, nachdem ich vor ein paar Jahren eingehend zur Geothermie recherchiert hatte. Doch es scheint, als sei ich zu pessimistisch gewesen: Wenn es tatsächlich nur eine sehr begrenzte Zahl an geeigneten Standorten gäbe, würde sich mit der Zeit eine Verlangsamung oder Stagnation beim Ausbau der Geothermie zeigen, weil allmählich alle guten Plätze besetzt sind. Genau das ist aktuell beispielsweise bei der Wasserkraft zu beobachten. Doch bei der Geothermie ist es nicht der Fall: Statistiken für die installierte Kapazität bei Geothermie-Kraftwerken zeigen seit Jahren ein stetiges Wachstum. Und inzwischen hat Geothermie einen Anteil von etwa einem halben Prozent an der weltweiten Stromproduktion.
Ein weiteres Indiz für meinen übermäßigen Pessimismus: Im Jahr 2011 hatte die Internationale Energieagentur (IEA) noch prognostiziert, dass Geothermie bis 2050 wohl nicht mehr als 3,5 Prozent der weltweiten Stromproduktion ausmachen könne. In ihrem jüngsten Bericht von Dezember 2024 schreibt sie nun jedoch, dass „geothermische Systeme der nächsten Generation bis 2050 bis zu 8 Prozent der weltweiten Stromversorgung liefern könnten“.
Vielversprechende Prognosen
Die IEA hat ihre Prognose also mehr als verdoppelt. Und darin ist die Wärme, die zusätzlich fürs Heizen genutzt werden kann, noch nicht einmal eingerechnet. Die Frage ist also: Steckt in der Geothermie vielleicht mehr Potenzial als bislang gedacht? Immerhin sind die dafür aktuell verwendeten Technologien bisher nicht einmal sonderlich weit entwickelt. Denn wenn in der Vergangenheit Bohrungen durchgeführt wurden, geschah dies meist auf der Suche nach Öl und Gas. Aktuell lassen sich im Bereich der Geothermie daher noch relativ einfach große technische Fortschritte erzielen.





