Daniela Dueck hat über den antiken Geographen Strabo promoviert und lehrt in Israel Geschichte und Classical Studies. Sie führt den Leser durch die verschiedenen Bereiche der antiken Geographie. Dabei verzichtet sie bewusst auf eine chronologische Darstellung. Stattdessen unterscheidet sie anhand der Art der überlieferten Quellen: Literarische Erzählungen, wissenschaftliche Texte und visuelle Darstellung auf Karten.
Zuerst beschäftigt sie sich mit der beschreibenden Geographie, die sie in Mythos, Epos und Dichtung sowie in Reiseberichten und phantastischen Erzählungen ausmacht. Hierzu zählen Passagen wie der Schiffskatalog aus der Ilias, der eine Liste von Städten enthält, die einzelnen Landschaften zugeordnet werden. Auch die Reisegeschichten von Herakles, Perseus oder den Argonauten werden hinzugezogen. Letztere befuhren das schwarze Meer bis ins heutige Georgien, wo sie das sagenhafte goldene Vlies raubten. Ihre Heimfahrt führte sie über die Donau, den Po, die Rhône und durch das Mittelmeer zurück nach Griechenland. Die Route ist zwar wenig glaubhaft, aber es zeigt doch, dass den Griechen bestimmte Weltgegenden und Flüsse bekannt waren, die in einer sehr freien Art und Weise in die Erzählung Eingang fanden.
Anschließend wird die wissenschaftliche Erfassung und Theoriebildung behandelt, die sich auf Tatsachen sowie genaue Beobachtungen beruft. Teil dieses Kapitels sind u.a. die Berechnungen des Eratosthenes von Kyrene (276-195 v. Chr.), von dem erste systematische Versuche belegt sind, den Kreisumfang der kugelförmigen Erde zu berechnen. Anhand des unterschiedlichen Schattenwurfes eines Stabes an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit konnte er den Kreisumfang der Erde auf 250000 Stadien (40 000 Kilometer) berechnen. Auch die Einteilung der Erde in verschiedene Klimazonen durch die Beobachtung der unterschiedlichen Witterungsverhältnisse ist Gegenstand dieses Kapitels.
Der dritte Teil wurde von dem namhaften Althistoriker Kai Brodersen verfasst. Er beschäftigt sich mit antiken Karten. Durch exakte Vermessungsleistung waren die Römer in der Lage, genaue Karten herzustellen. Ein schönes Beispiel ist die sogenannte Forma Urbis Romae, ein Plan vom Zentrum Roms um 200 n. Chr., der auf Stein gehauen wurde und heute in Fragmenten erhalten ist. Der Plan zeigt eine maßstabsgetreue Karte, auf der sogar einzelne Säulen zu sehen sind. Auch die „Tabula Peutingeriana“, eine Darstellung des römischen Staßennetzes, wird genannt, deren Aussagewert allerdings bezweifelt wird. Insgesamt verweist Brodersen auf die schlechte Erhaltungslage antiker Karten und glaubt daher, sie seien wenig in Gebrauch gewesen. Allerdings geht die moderne Forschung mittlerweile von einer deutlich höheren Verbreitung von Karten in der Antike aus.
Der Schritt weg von der chronologischen Abfolge ist sicher richtig, um sich systematisch mit dem Thema beschäftigen zu können. Leider beschränkt sich Dueck auf die Überlieferungsgattungen. Ein wichtiger Bereich, aber ein umfassender Überblick über die Geographie in der Antiken Welt kann so leider nicht gegeben werden. Auch Alexander hat nicht nur Wunderberichte hinterlassen. Daher ist dies mehr ein Buch über die Geographie in der antiken Überlieferung, da wichtige Bereiche, wie z.B. Anwendung und Nutzen, kaum behandelt werden. Erst im Nachwort werden solche interessante Felder angedeutet: Die Landvermessung bei Griechen und Römern, das Einteilen von Grundstücken und die daraus folgende rechtliche Dimension. Diese praktische Ausprägung hätte man stärker betonen müssen.




