Rund 2,8 Millionen Menschen weltweit leiden an Multipler Sklerose (MS). Bei dieser Autoimmunerkrankung richtet sich eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen die Ummantelung der Nervenfasern des Gehirns und des Rückenmarks. Weil diese Myelinhülle für die Nervenleitung essenziell ist, hat dies bei den Betroffenen Empfindungsstörungen und einen zunehmenden Verlust der Bewegungsfähigkeit zur Folge. Bisherige Therapien zielen vor allem darauf, die schädliche Immunreaktion zu unterdrücken. Sie können zwar akute Schübe der Krankheit abmildern, verhindern jedoch nicht das Fortschreiten der Erkrankung. Unklar ist zudem, warum die Erkrankung bei einigen MS-Patienten relativ schnell voranschreitet, andere dagegen Jahre oder sogar Jahrzehnte ohne größere Beeinträchtigungen damit leben können.
Spurensuche im Genom
Um die Grundlagen der Multiplen Sklerose besser zu verstehen und damit eine Basis für zukünftige Behandlungen zu schaffen, hat sich ein Team um Adil Harroud von der University of California in San Francisco auf Spurensuche im Genom begeben. Dazu analysierten die Forschenden Daten von mehr als 12.000 Menschen mit Multipler Sklerose in einer genomweiten Assoziationsstudie. Dabei werden genetische Varianten mit bestimmten Merkmalen in Verbindung gebracht, in diesem Fall mit einem schnellen oder langsamen Verlauf der Erkrankung.
Unter mehr als sieben Millionen genetischen Varianten entdeckte das Team eine, die mit einem schnelleren Fortschreiten der Krankheit assoziiert war. „Wenn man diese genetische Variante von beiden Elternteilen erbt, beschleunigt sich die Zeit, bis man eine Gehhilfe benötigt, um fast vier Jahre“, berichtet Horrouds Kollege Sergio Baranzini. Zudem zeigte das Gehirn von Trägern der Variante mehr krankheitstypische Auffälligkeiten als bei Personen ohne die Variante, obwohl bei beiden seit der MS-Diagnose ähnlich viel Zeit vergangen war. Bei Personen mit nur einer Kopie der Variante verlief die Krankheit nur geringfügig schneller als bei Betroffenen ohne die Variante.
Resilienz des Gehirns beeinflusst Verlauf
Die neu identifizierte Genvariante liegt zwischen zwei Genen, die bislang nicht mit Multipler Sklerose in Verbindung gebracht wurden. Das eine Gen, DYSF, ist an der Reparatur geschädigter Zellen beteiligt, das andere Gen, ZNF638 spielt eine Rolle bei der Kontrolle von Virusinfektionen. „Diese Gene sind normalerweise im Gehirn und im Rückenmark aktiv und nicht im Immunsystem“, erklärt Harroud. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass die Genvariante sich nicht auf die krankmachenden Immunprozesse selbst auswirkt, sondern eher auf die Reaktion des angegriffenen Gewebes. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Belastbarkeit und Reparaturfähigkeit im Nervensystem den Verlauf der MS-Progression bestimmen und dass wir uns auf diese Teile der menschlichen Biologie konzentrieren sollten, um bessere Therapien zu finden“, so Harroud.





