von Gerlinde Felix
Emily Whitehead hatte Glück im Unglück: Zwar gehörte sie zu den 5 von 100000 Kindern unter sechs Jahren, die pro Jahr an einer akuten lymphatischen Leukämie erkranken. Und ihr half die übliche Chemotherapie gegen diese Blutkrebserkrankung nicht, genau wie 10 Prozent der jungen Patienten. Doch ihre Eltern gaben nicht auf und starteten einen letzten verzweifelten Versuch. Sie brachten Emily 2012 für eine sehr aufwendige und damals noch experimentelle Therapie ins Childrenʼs Hospital of Philadelphia. Das war ihr Glück: Heute, neun Jahre später, ist Emily krebsfrei.
Zu verdanken hat Emily das zwei Forschern. Zunächst einmal dem israelischen Immunologen Zelig Eshhar: Er hatte vor etwa 30 Jahren die Idee, T-Lymphozyten gentechnisch so aufzurüsten, dass sie Krebszellen erkennen und abtöten können. T-Lymphozyten, kurz T-Zellen, sind Abwehrzellen des Immunsystems, die es gegen Krebszellen von Natur aus schwer haben. Denn die entziehen sich den Angriffsversuchen durch diverse molekulare Tricks. Aber die von Eshhar gentechnisch modifizierten T-Zellen können Krebszellen sehen und eine Immunantwort auslösen.
Der Mediziner Carl June, Direktor des Zentrums für Zelluläre Immuntherapie an der University of Pennsylvania, entwickelte Eshhars gentechnisch veränderte T-Zellen zu einer schlagkräftigen Therapie weiter. Das Immunsystem von Emily wurde dadurch zu einer personalisierten Präzisionswaffe. Es erkannte die Krebszellen des Mädchens sehr gut und konnte sie auch beseitigen.
Dafür wurden die T-Zellen mit einer Art Scanner bestückt, der die Krebszellen anhand ihres „Fingerabdrucks“ – spezieller Antigene – erkennen konnte. Ein solches Antigen ist bei akuter lymphatischer Leukämie das Oberflächenprotein CD19. Der „Scanner“ auf der gentechnisch veränderten T-Zelle ist ein spezielles Protein, das als Rezeptor dient. Er erkennt das Antigen auf der Krebszelle und dockt daran an.
Ein Aktivierungsbaustein im Inneren der T-Zelle veranlasst diese dann, die Krebszelle anzugreifen. Der Rezeptor auf der T-Zelle und der Aktivierungsbaustein im Zellinneren bilden gemeinsam den „Chimären Antigen-Rezeptor“, kurz CAR, weshalb die Behandlungsmethode CAR- T-Zelltherapie heißt. Chimär steht für Mischwesen, da sich der CAR aus zwei Teilen zusammensetzt.
Was bei der Therapie genau geschieht
Im ersten Schritt der CAR-T-Zelltherapie wurden T-Zellen aus Emilys Blut herausgefiltert und gentechnisch bearbeitet. Viren dienten hierbei als Transportvehikel, um die genetische Information für den CAR in die T-Zellen einzuschleusen. Die 5000 bis 6000 Basenpaare für den CAR wurden umgehend in das Erbgut der Zelle eingebaut. Dann sorgte man dafür, dass sich die CAR-T-Zellen im Labor stark vermehrten. Bevor Emily sie als Infusion bekam, bereitete eine niedrig dosierte Chemotherapie ihr Immunsystem darauf vor. Die Wartezeit zwischen der T-Zell-Entnahme und der Infusion der CAR-T-Zellen betrug mehrere Wochen.





