„Es gibt keine sichereren Lebensmittel als solche aus gentechnisch veränderten Pflanzen.” Die Botschaft hörten die Gäste bei „Wissenschaft live” wohl, allein am Glauben fehlte es vielen.
Der Beifall zwischendurch tat Heinz Saedler sichtlich gut. Viel bekam er nämlich nicht an diesem Abend. Im Deutschen Museum Bonn versuchte der Professor für Genetik und Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung dem Publikum von “Wissenschaft live” die Vorteile nahezubringen, die die Gentechnik für die Landwirtschaft und die Produktion von Lebensmitteln habe. Die meisten Zuhörer wollten aber vor allem etwas wissen über die Einstellung des Wissenschaftlers zu ethischen Fragen, über Risiken der Gentechnik und über seine persönlichen Grenzen im Umgang mit dem Leben. Hier blieb Saedler viele Antworten schuldig.
Das erklärte Ziel – und teilweise schon die Ergebnisse der Gentechnik – sind: Tomaten, die nicht mehr faulen, Soja und Mais, die unempfindlich gemacht werden gegen Unkraut-Vernichtungsmittel, Baumwolle und Kartoffeln, die sich mit neuen genetischen Informationen auch ohne Pestizide gegen Schädlinge wehren können, sowie Getreide, das mit weniger Wasser auskommt, dabei mehr Salz im Boden verträgt und somit helfen könnte, den hungernden Menschen in den Entwicklungsländern mehr Ackerfläche zu verschaffen. Bei einem Besuch im Bonner Tannenbusch-Gymnasium hatte Saedler die eingeladenen Schüler der 9., 12. und 13. Klasse vorab auf das Thema eingestimmt. Neben vielen anderen Besuchern kamen zusätzlich rund 150 Schüler des Gymnasiums Pulheim bei Köln und des Gymnasiums Velbert.
“Mit der Gentechnik kopieren wir nur die Natur”, erklärte Saedler die Sicht der Wissenschaftler. “Auch in der Natur wird laufend Erbgut zwischen Organismen ausgetauscht, werden Variationen ausprobiert. Was wir machen, ist nicht neu. Schon die Züchter der Maya in Mittelamerika haben vor mehr als 5000 Jahren aus Wildgräsern durch den Austausch von Genen Pflanzen gemacht, die ihre Getreideversorgung sichern sollten. Wir können das heute nur gezielter und schneller.”
Via Bildtelefon demonstrierte Dr. Peter Huijser im Kölner Labor die Anwendung einer Genkanone. Die schießt winzige Metallkugeln, beschichtet mit Erbgutmolekülen, direkt in die Zellkerne von Pflanzen, deren Eigenschaften man zu ändern wünscht. Huijser zeigte auch, wie man Chimären – Gene die Erbinformationen aus zwei verschiedenen Organismen besitzen – herstellt, etwa von Pflanzen und von Bakterien.
“Gene bestehen aus einer Steuer- und einer Funktionseinheit”, erklärte er. “Die Funktionseinheit legt die Eigenschaften fest – Frosthärte etwa oder Herbizidtoleranz -, aber ohne Steuereinheit kann die Zelle die Funktion nicht aktivieren. Die Steuereinheit des Bakteriums sieht für die Pflanze aber so aus, wie für uns die japanische Betriebsanleitung eines Videorekorders. Der Inhalt stimmt, aber wir können ihn nicht lesen. Deshalb koppeln wir die Funktionseinheit des Bakteriums mit der Steuereinheit der Pflanzenzelle – der Muttersprache. Jetzt kann die Pflanze die Anweisungen aus dem Programm des Bakteriums lesen und für sich nutzen.”
Die Biologin Iris Heitmann zeigte dann am Bildschirm, wie man aus einzelnen veränderten Pflanzenzellen wieder die ganze Pflanze heranzieht, und auch, wie man sie klont – also erbgleiche Kopien herstellt. “Wer Ableger von seinen Erdbeeren oder seiner Lieblingszimmerpflanze macht, tut das gleiche”, sagte Saedler.
So einfache Erklärungen ließen ihm die Zuhörer im Museum aber nicht durchgehen. “Bei der Züchtung werden doch immer nur Gene innerhalb einer Art neu kombiniert. Die Gentechniker aber übertragen Gene zwischen verschiedenen Pflanzen, sogar zwischen Bakterien, Tieren und Pflanzen. Damit steigt doch das Risiko, daß jemand unwissentlich etwas ißt, wogegen er allergisch ist”, wandte jemand ein und verwies auf Gene aus Fischen, die Erdbeeren frosthart machen sollen, oder an das Vorhaben, Gene aus der Paranuß in Soja zu transplantieren.
“Die Allergie-Gefahren”, erwiderte Saedler, “waren für uns viel größer mit der Einfuhr von Kiwi und Papaya. Alles, was wir essen, ist ja das Produkt von Genen und enthält Gene, und auf die vielen exotischen Früchte zu Hause im Obstkorb war das Immunsystem der Europäer gewiß nicht vorbereitet. Wer empfindlich reagiert, der ißt sie eben nicht mehr. Und die Soja mit Nußgenen ist nie auf den Markt gelangt, weil man erkannt hat, daß das die Gesundheit mancher Menschen schädigen könnte. Gentechnisch veränderte Lebensmittel müssen so viele Tests durchlaufen”, war der Wissenschaftler überzeugt, “daß es keine sicherere Nahrung gibt.”
Den Wunsch nach einer Kennzeichnung gentechnisch veränderter Produkte könne er verstehen, “soweit dies sinnvoll ist. Aber Öl aus Rapspflanzen, die gegen ein Unkraut-Vernichtungsmittel resistent gemacht worden sind, enthält dieses Gen und die daraus hergestellten Eiweiße ja gar nicht mehr. Also wäre eine Kennzeichnung unsinnig und würde nur verunsichern.”
Offen blieb die Frage, wie man die vielen Fertiggerichte behandeln soll, die gentechnisch produzierte Enzyme, Soja oder Tomatenpüree enthalten.
Unbeantwortet blieb auch die Frage von Moderator Ranga Yogeshwar nach einem Beispiel, wo die Gentechnik wirklich beigetragen habe, den Hunger der Menschen in der Dritten Welt zu lindern. Saedler gab zu, daß die Industrie hier wenig Engagement zeige, “weil es da wenig zu verdienen gibt”. Die öffentlichen Forschungseinrichtungen wären oft noch im Stadium der Grundlagenforschung, die viele Jahre dauern könne, bis man anwendbare Ergebnisse erzielt hätte. “Immerhin schicken die Entwicklungsländer aber ihre Wissenschaftler zu uns, damit wir ihnen die Methoden beibringen – was wir auch tun.”
Ausweichend beantwortete Saedler Fragen nach Umweltrisiken – etwa die Ausbreitung von Resistenzen gegen Unkraut-Vernichtungsmittel -, nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für die Kreatur – “ist es richtig, Tiere durch Gentechnik zu lebenden Pharmafabriken für den Menschen zu machen” – oder danach, wo er persönlich bei der Veränderung von Organismen seine Grenzen habe. Kristina Weinreich vom Gymnasium in Velbert kritisierte: “Da hat er sich rausgeredet und uns mit Anekdoten für dumm verkauft.” Auch Wendelin Heisters vom Bonner Tannenbusch-Gymnasium war enttäuscht: “Er hat unsere Bedenken nicht ernst genommen. Die Wissenschaftler wären vertrauenswürdiger, wenn sie jemanden, der kritische Fragen stellt, nicht einfach als unwissend niederbügeln würden.”
Das nächste “Wissenschaft live”
Die Diskussion um den “Strom aus Atom” ist wieder in den Schlagzeilen: Der Transport abgebrannter radioaktiver Brennelemente nach Gorleben war von großen Demonstrationen begleitet. Kernenergie soll andererseits den Ausstoß des klimaanheizenden Kohlendioxids vermindern, das bei der Verbrennung von Kohle und Öl freigesetzt wird. Andere hoffen auf den baldigen Durchbruch der umweltfreundlichen Solar- und Wasserstoff-Technologie.
“Die Kernkraft in Gegenwart und Zukunft” ist das Thema des nächsten “Wissenschaft live” im Deutschen Museum Bonn. Ein Experte für Kernenergie wird sich den Fragen des Publikums stellen. Bei einer Live-Schaltung in das Kernkraftwerk Gundremmingen – Haupt-eigentümer ist die RWE Energie – wird KKW-Direktor Gerd von Weihe die Zuschauer auf einen Kameraspaziergang durch das Kraftwerk mitnehmen.
Die Veranstaltung findet im Rahmen des großen “Museums-Meilen-Festes” statt – am Freitag, 30. Mai 1997 im Deutschen Museum in 53175 Bonn, Ahrstr. 45, von 16 bis 18 Uhr. An diese Adresse können vorab auch Fragen an die Experten eingereicht werden.
Jürgen Nakott





