Seit mehreren Jahren herrscht Goldgräberstimmung in der Erbgutforschung. Patente auf Genschnipsel, Gene und inzwischen sogar ganze Genome werden beantragt, erteilt und vor Gericht gegen Konkurrenten verteidigt. In den Firmenlabors häufen sich Daten, die öffentlich nicht mehr verfügbar sind, weil Gene zu Goldadern mutiert sind. Sogenannte Genomicfirmen wie Incyte, Millenium oder Celera verdienen sogar Geld allein damit, daß sie Kunden geheime Informationen aus ihren privaten Gendatenbanken verkaufen.
Um so überraschender schien daher auf den ersten Blick die Ankündigung, daß zehn konkurrierende Pharmariesen und die britische Stiftung “Wellcome Trust” in den nächsten zwei Jahren gemeinsam die rasche Kartierung von mindestens 150000 individuellen genetischen Unterschieden im menschlichen Erbgut vorantreiben wollen. Mehr noch: Die bisher einzigartige Datenbank soll sofort weltweit per Internet für jedermann zugänglich sein.
Bei genauem Hinsehen wird deutlich, daß die Pharmariesen von der neuen Offenheit profitieren. Zwar wird das “Humangenomproject”, eine internationale Kooperation öffentlicher Forschungsinstitute, bis spätestens zum Jahr 2003 erstmals die komplette Sequenz eines Menschen entschlüsselt haben.
Doch bis dahin sind die Weichen für das Zeitalter der molekularen Medizin längst gestellt: Für das Verständnis komplexer Krankheitsursachen, bei denen eine Vielzahl von Genen mit der Umwelt wechselwirken, brauchen die großen Pharmafirmen möglichst schnell Daten über jene subtilen genetischen Unterschiede, die einen Gesunden von einem Kranken trennen.
Experten schätzen, daß zwei Chromosomen – etwa die von Vater und Mutter – ungefähr alle 1000 Basenpaare auf der DNA voneinander abweichen, also eine genetische Variation aufweisen. Meist sind derartige Single Nucleotide Polymorphisms (SNP) völlig harmlos, manchmal jedoch steckt dahinter eine Mutation, die ihren Träger zum Beispiel empfänglich macht für Alzheimer oder Herzinfarkt.
Das SNP-Konsortium will nun das Erbgut von 24 Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen nach genetischen Unterschieden (Polymorphismen) durchkämmen. Die Pharmaunternehmen bezahlen dafür 25 Millionen Dollar und der Wellcome Trust 20 Millionen. Die rund 150000 ermittelten SNP sollen dann als Orientierungspunkte auf der Landkarte des menschlichen Genoms verfügbar sein.
“SNP erlauben es erstmals, in ganzen Bevölkerungsgruppen an Krankheitsgene für komplexe Leiden heranzukommen”, erläutert Rudi Balling, Mitglied im wissenschaftlichen Koordinierungskomitee des deutschen Humangenomprojects. So könne in Zukunft das SNP-Muster eines Zuckerkranken oder eines Patienten, der auf ein Medikament schlecht reagiert, mit dem von gesunden Personen verglichen werden.
Manchmal ließen sich dabei genetische Variationen aufspüren, die nur in den Patientengruppen vorhanden sind. “Die SNP führen die Firmen schneller zu interessanten Genen und ein Gen samt Funktion ist ein Patent”, erklärt Balling die Strategie.
Eine SNP-Datenbank, mit 2,5 Millionen Dollar pro Firma billig eingekauft, wird für die Pharmariesen die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen und die Suche nach erblichen Faktoren komplexer Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes oder Herzinfarkt vereinfachen. “Das ist für uns vor allem eine Frage des Tempos”, erläutert Gisela Lenz von Bayer das Engagement ihrer Firma.
Balling sieht noch einen weiteren Grund für die Initiative: Die großen Pharmafirmen wollen sich “kostspielige Deals” mit jenen kleineren Biotechfirmen sparen, die gezielt SNP-Datenbanken aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen erstellen und deren Nutzung als Paket teuer verkaufen.
Zudem gehe “die einzelne Firma bei dem SNP-Projekt kein großes Risiko ein”, ergänzt Gisela Lenz. “Sobald die Karte erstellt ist, gehen die Firmen wieder auseinander.” Offenbar haben die Unternehmen erkannt, daß nicht SNP-Patente das große Geld bringen, sondern die mit ihrer Hilfe entdeckten Krankheitsgene.Daß dank dieser Ausgangslage nun entscheidende wissenschaftliche Daten schnell und unkompliziert an die Öffentlicheit gelangen, hält Balling als Grundlagenforscher für eine “tolle Sache”.
Volker Stollorz





