Eva Brand nennt erschreckende Zahlen: „Neueste Studien zeigen, dass mehr als jeder zweite Deutsche zwischen 35 und 74 Jahren einen zu hohen Blutdruck hat. Damit liegen wir in der westlichen Welt auf einem unrühmlichen Spitzenplatz.” Dies war der Anlass für die Oberärztin am Uniklinikum Münster, gemeinsam mit dem Direktor der Medizinischen Klinik, Hermann Pavenstädt, ein umfassendes Behandlungskonzept zu entwickeln. Das Besondere daran: Die Mediziner suchen bei den Patienten nach Risiko-Genen.
Die Leiterin des „Genetischen Forschungslabors Hypertonie” ist erstaunt, wie wenig die Deutschen über die Krankheit wissen, obwohl diese zu schweren Schäden führen kann: Der ständige Hochdruck in den Gefäßen zerstört Herz, Gehirn, Nieren und Nerven. Die meisten Schlaganfälle und Herzinfarkte gehen auf sein Konto. Viele Hausärzte kümmern sich nicht um die Ursachen der Krankheit, sondern beschränken sich bei der Behandlung ausschließlich auf die Gabe von Blutdrucksenkern. Im Vordergrund der von Eva Brand entwickelten „Integrierten Versorgung” steht dagegen ein ausführliches Gespräch sowie eine gründliche körperliche Untersuchung, kombiniert mit einer 24-Stunden dauernden Blutdruckmessung. Nur so lassen sich verlässliche Daten ermitteln und individuelle Therapieansätze planen. Dazu kommen noch eine Ernährungsberatung und ein sportmedizinischer Check. Denn Übergewicht und Bewegungsarmut gelten als Hauptursachen. Ganz wichtig ist für Eva Brand auch die Zusammenarbeit mit einem Psychosomatik-Experten, um den Stress der Patienten in den Griff zu bekommen: „Negativer Stress und nicht verarbeitete innere Anspannungen können den Blutdruck in die Höhe treiben.”
Der Clou in Münster ist allerdings, dass zu diesen „ klassischen” Behandlungsansätzen nun auch die Molekularbiologie tritt. „Unser Blutdruck wird zu etwa 40 Prozent genetisch bestimmt”, so die Medizinerin. 10 bis 15 der entscheidenden Gene sind mittlerweile bekannt. Sie regulieren vor allem den Salz- und Wasserhaushalt des Körpers, beispielsweise indem sie den Hormonspiegel kontrollieren oder die Bauanleitungen für „Kanäle” liefern, die Salz-Ionen durch die Zellmembran schleusen. Allerdings gibt es im menschlichen Gen-Pool Varianten dieser Gene, die – vor allem wenn ein Mensch mehrere von ihnen besitzt – den Blutdruck über das gesunde Maß steigen lassen. Eva Brand: „ Viele dieser Gen-Varianten sind das evolutionäre Erbe aus einer Zeit, als unsere Vorfahren noch Dürreperioden ausgesetzt waren. Denn sie drosseln die Ausscheidung von Salz und Wasser.” In bestimmten Kombinationen sorgen sie auch dafür, dass zu viel Kochsalz im Essen den Blutdruck erhöht. Allerdings zählt maximal ein Drittel der Deutschen zu den „Salzsensitiven”. Und nur sie können tatsächlich von einer salzarmen Kost profitieren, die von den meisten Ärzten immer noch pauschal jedem Patienten empfohlen wird. Neben Gen-Varianten, die das Risiko für Bluthochdruck erhöhen, gibt es auch solche, die für einen langsameren Abbau von Bluthochdruck-Medikamenten sorgen, beispielsweise von Beta-Blockern. „Träger dieser Varianten”, so Eva Brand, „kommen unter Umständen mit geringeren Wirkstoffdosen aus.” Daher hat der Check auf Bluthochdruck-Genvarianten auch das Interesse der Krankenkassen geweckt: Langfristig könnte er ihnen erhebliche Kosten sparen. Dr. Ulrich Fricke
MEDINFO im März: Rückenschmerzen
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Martin Middeke, Edita Pospisil, Klaus Völker
Blutdruck senken ohne Medikamente
Trias, Stuttgart 2002, € 19,95
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Informationen zu Lebensstil und Ernährung sowie Leitlinien zur Behandlung: www.hochdruckliga.info
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www.wissenschaft.de/bdw
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Hochdruckforschung am Universitätsklinikum Münster:
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