Im 36. Regierungsjahr Kaiser Wanlis (1599) schloss der Philosoph Li Zhi in Nanjing Bekanntschaft mit einem merkwürdigen Mann. „Li Xitai“, schreibt er später in einem Brief an einen Freund, „kommt aus dem Großen Westen und hat über hunderttausend Li zurückgelegt, um nach China zu kommen. Er ist vollkommen in der Lage, unsere Sprache zu sprechen, unsere Schriftzeichen zu schreiben und sich an unsere Anstandsregeln zu halten – ein höchst beachtenswerter Mensch. Aber ich weiß nicht genau, wozu er gekommen ist. Wenn es ihm darum ginge, die Lehren des Herzogs von Zhou und des Konfuzius durch seine eigenen zu ersetzen, wäre das, so scheint mir, doch allzu dumm.“ Li Zhi spricht von dem italienischen Jesuiten Matteo Ricci, der sich 1583 zusammen mit einem Ordensbruder als erster katholischer Missionar im Ming-zeitlichen China niedergelassen hatte. Die in Lis Bewunderung gemischten Zweifel trieben die chinesischen Gelehrten, die mit Ricci und seinen Nachfolgern in Kontakt kamen, noch mehr als ein Jahrhundert lang um: Denn die Jesuiten, die sich bald als große Verehrer der konfuzianischen Lehre erwiesen, waren zwar nicht gekommen, um diese zu ersetzen. Aber sie wollten ihr die ihrige – gewissermaßen zur Vervollkommnung – hinzufügen: die Lehre des Christentums.
Ricci, Mitglied des noch jungen, im Kontext der katholischen Reform gegründeten Jesuitenordens, war nicht der Erste, der sich die Bekehrung des bevölkerungsreichen chinesischen Reichs zum Ziel gesetzt hatte. Zahlreiche Missionare – Dominikaner und Franziskaner – waren im Lauf des 16. Jahrhunderts auf portugiesischen Schiffen nach Ostasien gekommen und hatten erfolglos versucht, „das Tor zu China aufzustoßen“. Denn die Ming-Dynastie schirmte die Küsten ihres Reichs vor fremden Eindringlingen, Händlern und Piraten ab. Den Portugiesen erlaubten chinesische Beamte 1557 zwar, sich auf der schmalen Landzunge Macao im Südchinesischen Meer niederzulassen und dort Handel zu treiben; alle Versuche der Missionare jedoch, sich einen Weg ins Landesinnere zu erschleichen, scheiterten. Erst Alessandro Valignano, Generalvisitator der Jesuiten in Ostasien, gelang es, der China-Mission auf die bereits in Japan erprobte „sanfte Art“ den Weg zu ebnen: 1579 schickte er Michele Ruggieri und später dessen jüngeren Ordensbruder Matteo Ricci mit der Aufgabe nach Macao, Sprache, Sitten und Gebräuche Chinas zu lernen. Der Schlüssel zu diesem großen Reich, war Valignano überzeugt, lag in der Anpassung. Anpassen sollten sich die Jesuiten aber an eine spezifische soziale Schicht: Nicht das Kantonesische, die Sprache des einfachen Volkes im Süden Chinas, sollten die beiden Männer beherrschen, sondern guanhua, die Sprache der Eliten. Denn die Jesuiten zielten auf die Bekehrung der Besten des Reichs; ja, sie träumten gar von der Konversion des Kaisers, womit ihrer Ansicht nach der Christianisierung Chinas nichts mehr im Weg gestanden wäre.
Valignanos Plan ging auf. 1583 erhielten Ruggieri und Ricci die Erlaubnis, sich in Zhaoqing, einer Stadt in der südchinesischen Provinz Guangdong, niederzulassen. Sie agierten vorsichtig, versuchten, sich auch äußerlich anzupassen: Wie die Missionare in Japan kleideten sie sich im Gewand buddhistischer Mönche, der dort besonders angesehenen religiösen Elite. Erst allmählich bemerkten sie, dass es in China eine andere gesellschaftliche Schicht war, die über das größte soziale Prestige verfügte: die Gelehrten und Beamten des konfuzianischen Staates. 1591 begann Matteo Ricci deshalb, seine Strategie dieser Erkenntnis anzupassen. Er studierte die Lehre des Konfuzius, von dem er mit Bewunderung notierte: „Tatsächlich, gemessen an seinen Sprüchen und seiner Art zu leben ist er unseren antiken Philosophen nicht unterlegen.“ Seine Begeisterung für die konfuzianische Lehre ging gar so weit, dass er in ihren klassischen Büchern Funken einer göttlichen Naturreligion aufscheinen zu sehen glaubte.




