Das Rätsel der vagabundierenden Schnelläufer-Sterne in der Milchstraße scheint gelöst: Sie wurden bei Supernova-Explosionen aus der Bahn geworfen.
Schnelläufer-Sterne sind die Geisterfahrer im All: Die schwergewichtigen Boliden rasen mit einigen hundert Kilometern pro Sekunde zum Teil gegen den Strom der übrigen Sterne durch die Milchstraße. Der niederländische Astronom und spätere ESO-Generaldirektor Adriaan Blauuw hatte zu Beginn der sechziger Jahre die Hypothese aufgestellt, die kosmischen Raser könnten aus ehemaligen Doppelstern-Systemen entwichen sein und ihr Tempo aus der Explosion des früheren Sternpartners gewonnen haben: Der explodierte Stern würde dabei soviel Materie verlieren, daß er seinen Begleiter nicht länger zu einer gemeinsamen Umlaufbewegung zwingen kann und dieser haltlos davontreibt.
Beweisen ließ sich diese Hypothese zunächst nicht, weil man die passenden Gegenstücke – die kompakten Überreste solcher Sternexplosionen – nicht eindeutig zuordnen konnte. Die Bruchstücke mußten sich längst entfernt haben, aber möglicherweise in die entgegengesetzte Richtung und wahrscheinlich auch mit einer ganz anderen Geschwindigkeit.
Vor einigen Jahren nun konnte Edward van den Heuvel, Astronomieprofessor an der Universität Amsterdam und Mitglied des ESO-Rates, des höchsten Gremiums der Europäischen Südsternwarte, seinen Kollegen konkrete Suchtips geben. Er hatte herausgefunden, daß der davonjagende Stern seinen ursprünglichen Partner durchaus mitreißen kann. Solange bei einer Supernova- Explosion weniger als die Hälfte der Gesamtmaterie des Doppelsternsystems verlorengeht, bleiben die beiden Partner auch weiter untrennbar miteinander verbunden.
Zwar besagen alle Sternentwicklungs-Modelle, daß sich der massereichere von beiden Sternen zuerst zu einem Roten Riesen entwickelt und dann explodiert. Vor der Explosion gibt er aber eine Menge Materie als Sternwind an die Umgebung ab, von der wiederum ein Teil auf den Sternpartner trifft und dessen Masse vergrößert. Die bevorstehende Supernova-Explosion wird dadurch zwar nicht aufgehalten, aber der einstige Riese kann inzwischen leichter als sein Partner geworden sein und weiter an diesen gefesselt bleiben. Lex Kaper und ein Team von Astronomen der Europäischen Südsternwarte ESO ist diesem Hinweis nachgegangen und hat die unmittelbare Umgebung der Schnelläufer-Sterne auf mitgeschleppte Sternreste untersucht. Mit Erfolg: Mit dem 1,5-Meter-Teleskop der ESO auf dem chilenischen Andengipfel La Silla fanden sie den Stern HD 77581, der eine Stoßwelle im interstellaren Gas erzeugt – ein Indiz, daß es sich bei ihm um einen Schnelläufer-Stern handelt.
Seinen kompakten Begleiter kennen die Astronomen seit langem: Es ist der Radio- und Röntgenpulsar Vela X-1 – das Endstadium einer Supernova-Explosion.
Zumindest bei ihm hat sich die Vermutung von Adriaan Blauuw bestätigt. Ob sie auch für die übrigen Schnelläufer gilt, müssen weitere Untersuchungen klären.
Hermann-Michael Hahn





