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Gefühlte Zeit
Eine halbe Stunde in der S-Bahn, müde und hungrig nach der Arbeit: eine gefühlte Ewigkeit. Eine halbe Stunde in der S-Bahn, ausgeschlafen und mit einer spannenden Lektüre in der Hand: Die Zeit rast. Nur nicht die Haltestelle verpassen.
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Von Tobias Hürter
Eine halbe Stunde in der S-Bahn, müde und hungrig nach der Arbeit: eine gefühlte Ewigkeit. Eine halbe Stunde in der S-Bahn, ausgeschlafen und mit einer spannenden Lektüre in der Hand: Die Zeit rast. Nur nicht die Haltestelle verpassen.
Das Zeitgefühl ist eine Diva. Eine halbe Stunde ist nicht immer eine halbe Stunde. Sie kann sich ziehen oder verfliegen. Warum eigentlich? Und warum vertun wir uns beim Schätzen von Zeit viel eher als bei Längen oder Gewichten?
Menschen haben keine Sinnesorgane, keine Augen oder Ohren, für die Zeit. Wir können räumlich sehen, aber nicht zeitlich. Uns fehlt eine präzise innere Uhr, die geeignet wäre, stets den gleichen Takt vorzugeben, unbeeinflusst vom Drumherum. Die Forschung sucht seit Jahrzehnten nach solch einem Taktgeber, ohne einen zu finden. Wer entspannt auf einer Bank mit Meerblick sitzt, für den sind fünf Sekunden nichts. Wenn bei einem romantischen Date eine ungewollte Gesprächspause entsteht, sind fünf Sekunden eine Ewigkeit.
Erleben und Erinnern
Unsere Wahrnehmung vom Vergehen der Zeit hängt von vielen Faktoren ab. Vom Lebensalter, von Erwartungen, Emotionen und Stimmungen. Das Gedächtnis spielt eine Rolle, die kulturelle Prägung, der Herzschlag, die Hormone, Drogen, das Geschehen um uns herum – auch psychische Erkrankungen. Das Gehirn spielt beim Zeitgefühl mit – und der Körper.
Menschen erleben Zeit auf zwei Weisen: einerseits unmittelbar im Moment, andererseits im Rückblick. Das unmittelbare Zeitgefühl für das Jetzt und das rückblickende Zeitgefühl für die Vergangenheit. Das unmittelbare Zeitgefühl erlebt man, wenn man seine Aufmerksamkeit darauf richtet, wie gerade die Zeit verstreicht. Unbehagliches Schweigen scheint sie zu dehnen. Ein lebhaftes Gespräch lässt sie verfliegen. Die rückblickende Zeitwahrnehmung erstreckt sich über viel längere Zeiträume. Ein Mensch kann die letzte Stunde, den vergangenen Tag Revue passieren lassen. Eine Hundertjährige kann ihr ganzes Leben in den Blick nehmen. Der Stoff dieser rückblickenden Zeitwahrnehmung sind die Erinnerungen. Und auch sie können die Zeit stauchen oder dehnen.
Ein Extrem erleben Menschen, die lebensbedrohliche Situationen überstehen. Sie berichten, in Momenten größter Gefahr die Zeit als dramatisch verlangsamt erlebt zu haben. Im Alarmzustand ist das Gehirn offenbar besonders gut darin, Erinnerungen abzurufen. Manche dieser Menschen berichten, ihr ganzes bisheriges Leben an sich vorbeiziehen gesehen zu haben: Jahrzehnte verdichtet in einem Augenblick.
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Müssen sich Laubfrosch-Weibchen zwischen vielen Männchen entscheiden, zögern sie länger als bei weniger Optionen – und treffen oft nicht die optimale Wahl.
Grundsätzlich fällt auf: Die beiden Perspektiven auf die Zeit, die unmittelbare und die rückblickende, widersprechen sich oft. Psychologen sprechen vom »Zeitparadox«: Zeiten, die uns, wenn wir drinstecken, wie eine halbe Ewigkeit vorkommen, erscheinen im Rückblick besonders kurz und umgekehrt. Das Zeitparadox geht zurück auf William James, einen amerikanischen Psychologen. Vor mehr als einem Jahrhundert beobachtete er, dass Zeitspannen, die angefüllt mit neuen Erlebnissen sind, schnell zu verfliegen scheinen, aber im Rückblick besonders lang wirken.
Das Zeitparadox ist ein alltägliches Phänomen. Was sich im Hier und Jetzt gefühlt ewig zieht, schnurrt in der Erinnerung auf einen Moment zusammen. Eine Woche mit Arbeitsroutine fühlt sich zäh an. Im Urlaub verfliegt die Zeit, neue Orte, neue Menschen, man kann am Ende kaum fassen, dass die Woche schon vorbei sein soll. Im Rückblick jedoch erinnert man sich an viel mehr aus dem Urlaub als aus der Arbeitswoche. Die Urlaubswoche erscheint im Nachhinein viel voller und länger.
In der Corona-Pandemie machten viele Menschen unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Zeitparadox. Während der Wochen und Monate der Lockdowns schien die Zeit stillzustehen und dehnte sich schier endlos. Im Rückblick aber verschwimmen die vielen Tage zu einem einzigen.
Rückblickende Urteile über die Länge von Zeiträumen sind daher eher grobe Schätzungen, basierend auf der Anzahl der Erinnerungen zu dem betreffenden Zeitraum.
Der Körper als Zeitmessgerät
„Die Zeit verging langsam“, diese Formulierung klingt merkwürdig. Wie sollte sie schneller oder langsamer vergehen? Wie entsteht dieses stauch- und dehnbare subjektive Zeitempfinden? Der Psychologe Marc Wittmann, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg forscht, vermutet, dass dabei einer Gehirnregion namens Insula (Inselcortex) eine Schlüsselfunktion zukommt. Die Insula, versteckt in einer Falte der Großhirnrinde an der Schläfe, ist zuständig unter anderem für das Körperempfinden: den Gleichgewichtssinn, die Schmerzwahrnehmung und das Berührungsempfinden. Hier laufen die Informationen über den körperlichen Zustand zusammen. Wer in sich hineinfühlt, nutzt seine Insula. „Unser Gefühl für den Verlauf von Zeit entsteht aus unserem Gefühl für die Abfolge von Körperereignissen“, sagt Wittmann. Der Körper eines Menschen ist sein Zeitmessgerät. Und wir erleben die Zeit, indem wir äußere Ereignisse mit inneren abgleichen. Wittmann überprüft diese Theorie mit Experimenten, in denen er Probanden in einem Flotation-Tank schweben lässt, einer stockdunklen Kabine, in denen sie von äußeren Reizen weitgehend abgeschnitten sind. In dem körperwarmen Wasser fühlen sie sich schwerelos. Sie sehen und hören nichts, nehmen so gut wie nichts von ihrer Umgebung wahr. Doch sie spüren sich selbst: ihren Herzschlag, ihre Atmung, ihre Verdauung. Auf den Körper reduziert, kommt ihnen die Zeit anfangs länger vor. Dann, nach einiger Zeit, verlieren sie das Zeitgefühl. Hat die Stunde, die ich im Tank verbringen soll, gerade erst begonnen oder ist sie gleich vorbei?
In solch einem Zustand reduzierter Sinneswahrnehmung kann sogar die Pulsfrequenz das Zeitempfinden beeinflussen, hat Wittmann in einer Studie gezeigt: Schlägt das Herz schneller, vergeht gefühlt auch die Zeit schneller. Schlägt das Herz langsamer, vergeht die Zeit gefühlt langsamer.
Glückshormone lassen die Zeit verfliegen
Verliert sich derselbe Mensch aber vielleicht in Tagträumen, verfliegen die Minuten wie von selbst. Wittmann hat diesen Zusammenhang in Laborversuchen überprüft, in denen Versuchspersonen gleiche Wartezeiten je nach innerer Befindlichkeit sehr unterschiedlich einschätzten.
Er erlebt diesen Unterschied auch selbst, wenn er sonntags joggt. „Zuerst, wenn die Beine noch nicht in Schwung sind, spüre ich jeden Schritt“, sagt er, „die Zeit vergeht zäh. Dann komme ich in den Flow und die Zeit fliegt.“ Ein ähnliches Hochgefühl und ähnliche Effekte auf ihr Zeitempfinden erleben frisch verliebte Menschen. Die miteinander verbrachten Stunden verfliegen. In ihren Gehirnen wird viel vom Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, das als „Glückshormon“ gilt. Bei Mäusen hat sich gezeigt, dass ihre innere Uhr bei hohem Dopaminpegel langsamer tickt. In Experimenten unterschätzen Mäuse dann Zeitdauern – wie Liebespaare, die die Nacht durchquatschen und sich wundern, dass schon der Morgen dämmert.
Die Verbindung von Raum und Zeit
Der amerikanische Neurologe Aaron Boos und seine Mitarbeiter haben bei Patienten mit Verletzungen in einer Region namens Precuneus im hinteren Scheitelbereich festgestellt, dass deren Zeitgefühl gestört ist. »Minuten schienen wie Stunden«, beschrieb Boos das Erleben eines am Precuneus operierten Patienten, „jedes Mal, wenn er auf die Uhr schaute, war er überrascht, wie wenig Zeit vergangen war.“ Bemerkenswert dabei ist, dass der Precuneus auch eine wichtige Rolle in der Raumwahrnehmung spielt. Raum und Zeit sind eng verbunden im menschlichen Denken und in unserer Sprache. Wir sprechen davon, dass ein Ereignis „vor“ oder „nach“ einem anderen kommt. Wir sprechen von „Zeiträumen“, die „lang“ oder „kurz“ sein können.
Man könnte diese Vokabeln für bloße Metaphern halten: für sprachliche Behelfe, um auszudrücken, wofür wir sonst keine Worte hätten. Doch hinter ihnen steckt mehr. Wie tief der Zusammenhang zwischen zeitlichem und räumlichem Denken ist, zeigt sich bei Patienten mit einem „visuellen Neglect“ durch ein geschädigtes Gehirn. Da jede Gehirnhälfte für eine Seite des Gesichtsfelds und des Körpers zuständig ist, nehmen etwa Menschen mit einer Schädigung in der rechten Gehirnhälfte Dinge zu ihrer Linken nicht mehr bewusst wahr, rasieren etwa diese Seite ihres Gesichts nicht mehr oder schlüpfen nicht in den linken Ärmel ihrer Jacke.
Und noch etwas übersehen sie: die Vergangenheit. Sie verstehen frühere Ereignisse nicht mehr. In unserer westlichen Kultur ist die Vergangenheit traditionell mit der linken Seite verbunden. Es ist üblich, den Zeitpfeil von links nach rechts zu zeichnen – so wie von links nach rechts zu schreiben. Dagegen wird beispielsweise arabisch von rechts nach links geschrieben. Entsprechend zeichnen Araber ihre Lebenslinien von rechts nach links. Wirkt sich bei ihnen ein visueller Neglect auch anders auf die Zeitwahrnehmung aus? Das wäre noch zu erforschen.
Depression bremst, Manie beschleunigt
Auch psychische Erkrankungen können sich auf das Zeitempfinden auswirken. Charakteristisch für Depression und Manie ist eine gestörte Synchronisation der inneren Zeit mit der Umwelt. Viele von Depression betroffene Menschen empfinden ihre eigene Zeit als zu langsam. Die Gedanken scheinen sich dahinzuschleppen, manchmal zu erstarren. Die Bewegungen betroffener Patienten werden langsam, ein Symptom, das „psychomotorische Retardation“ genannt wird. Gehirnscans zeigen eine reduzierte Aktivität in ihrem visuellen Cortex. Ihre visuelle Wahrnehmung ist gestört, sie erleben die Welt als statisch, ohne Dynamik. „Für mich ist die Depression ein Tempo-Defizit“, sagt der Philosoph und Neurowissenschaftler Georg Northoff, der an der Universität Ottawa lehrt. „Natürlich werden Sie traurig, wenn Sie sich immer zu langsam vorkommen.“ Die entgegengesetzte
Erkrankung ist die Manie: Die Patienten und ihr Zeiterleben sind im Hyperdrive. Die Welt kann sich nicht schnell genug drehen für sie.
Neue Therapieansätze versuchen, die gestörte Zeitwahrnehmung von Menschen mit Depressionen zu verbessern. Das Projekt VIRTUALTIMES am Forschungszentrum Jülich untersucht, ob ihnen Virtual-Reality-Brillen helfen können. Die Forscher versetzen Betroffene damit in eine ereignisreiche virtuelle Welt, um auf diese Weise ihre Zeitwahrnehmung zu beschleunigen.
Die ewigen Sommerferien
Ein natürlicher Wandel des Zeitempfindens vollzieht sich mit dem Alter. Es ist ein Klischee: Kindern kommen die Sommerferien wie eine Ewigkeit vor. Erwachsene hingegen klagen: „Ach, ist der Sommer schon wieder um!“ Psychologen haben diesen Effekt untersucht und herausgefunden, dass es tatsächlich Unterschiede in der Zeitwahrnehmung zwischen Altersgruppen gibt.
Sie vermuten die Ursache darin, dass jüngere Menschen während einer Zeitspanne mehr Erlebnisse haben als ältere und sie dem deshalb eine längere Zeit zuschreiben. Kinder und Jugendliche entdecken Neues, vieles ist spannend für sie, was Erwachsenen längst bekannt ist. Je dichter eine Zeitspanne mit Neuigkeiten vollgepackt ist, desto mehr scheint sie sich zu dehnen. Die amerikanische Psychologin Alison Gopnick spricht von „Laternen-Aufmerksamkeit“, mit der Kinder die Welt erleben. Sie blenden Ablenkungen nicht aus und nehmen viel mehr Information auf. Erwachsene hingegen leben eher in „Scheinwerfer-Aufmerksamkeit“, fokussiert auf das scheinbar Wesentliche. Ein Kindergedächtnis ist nach den Ferien randvoll. Für einen Erwachsenen, der schon alles kennt, scheinen die Wochen verflogen zu sein. So zeigt sich in der Zeitwahrnehmung eines Menschen auch seine Haltung zur Welt. Wer sich als Erwachsener längere Sommerferien wünscht, sollte versuchen, sie zu erleben wie ein Kind. //
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