Von Kurt de Swaaf
Jedes Jahr, gegen Ende April, spähen meine kleine Tochter und ich gebannt in den Frühlingshimmel. Wir erwarten das baldige Eintreffen einer Schar Sommergäste, die uns etwa drei Monate lang durch den Alltag begleiten wird. Ihre Ankunft ist immer ziemlich pünktlich um den 30. herum – je nachdem, welches Wetter den Tieren auf ihrer langen Reise nach Süddeutschland begegnet ist. Und dann sind sie plötzlich da. Ihre schrillen Rufe läuten die schönste Zeit des Jahres ein. Mauersegler brüten gerne in allerlei Gebäudenischen, weshalb die Vögel als ausgesprochene Kulturfolger gelten.
Abends kann man ihre atemberaubende Flugakrobatik über den Dächern und durch die Häuserschluchten der Heidelberger Altstadt beobachten. Den größten Teil des Jahres verbringen die Tiere allerdings im zentralafrikanischen Luftraum. Pendler zwischen zwei Kontinenten.
Sie sind bekanntlich nicht die Einzigen. Dutzende Vogelarten fliegen alljährlich von Europa aus südwärts, um irgendwo in afrikanischen Gefilden zu überwintern, und kehren im Frühling zurück. Laut Hochrechnungen dürften auf dem Herbstzug gut zwei Milliarden Individuen unterwegs sein. Eine echte Massenmigration. Noch größere Zahlen vermuten Fachleute gleichwohl bei einer anderen Tiergruppe: den Insekten. Die Wanderbewegungen der reiselustigen Sechsbeiner wurden lange kaum beachtet oder erforscht.
Man kennt den berühmten Monarchfalter (Danaus plexippus) aus Nordamerika, dessen Abbild mittlerweile als Standarddarstellung eines Schmetterlings in Werbung und Popkultur fast allgegenwärtig ist. Diese Art zieht millionenfach im Wechsel der Jahreszeiten zwischen Mexiko im Süden und ihren Frühlings- und Sommerhabitaten in den USA und Kanada hin und her. Dass es diesseits des Atlantiks vergleichbare Phänomene gibt, ist den meisten Menschen jedoch nicht bekannt. So überqueren zum Beispiel im Herbst zwischen ein und vier Milliarden Schwebfliegen (Syrphidae) den Ärmelkanal. Sie wollen nach Südeuropa, dem milderen Winterwetter wegen.
Überraschende Langstreckenflüge
Der mutmaßliche Meister unter den heimischen Fernwanderinsekten ist aber der Distelfalter, zoologisch Vanessa cardui genannt. Er fliegt übers Mittelmeer und bringt in Afrika die nächste Generation zur Welt. 2014 fanden Wissenschaftler sogar Exemplare, die anscheinend die Sahara überquert hatten und so in Senegal, Benin, Tschad und Äthiopien gelandet waren. Die Experten staunten. Neueren Hinweisen zufolge könnten aber auch andere Insektenspezies solche Strecken zurücklegen. „Vielleicht sehen wir nur die Spitze eines Eisbergs“, sagt Gerard Talavera, Biologe am CSIC Institut Botànic in Barcelona. „Trans-Sahara-Migration ist womöglich viel häufiger, als wir bislang erwarteten.“





