In den vergangenen Jahrzehnten hat sich dieses Bild verschoben. Zunehmend sind aktuelle Forschungsfragen nur durch große fächerübergreifende Anstrengungen lösbar. Und das läuft dann in etwa nach folgendem Muster: Man formuliert ein Forschungsproblem und stellt schnell fest, dass man zu dessen Lösung die Expertise aus mehreren verschiedenen Disziplinen braucht. Also zieht man los und sucht die notwendigen Expertenteams für eine solche Netzwerk-Initiative. Auf diese Weise schließen sich heutzutage immer mehr Forschende zu immer größeren interdisziplinären Netzwerken zusammen.
Eine gute und sicherlich auch produktive Sache also! Doch wer als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler in die engere Wahl für solch ein Netzwerk gerät, sollte sich von vornherein über gewisse Dinge klar sein. Zum Beispiel darüber, dass auch für den Einzelnen der Aufwand für Bürokratie und Koordination zunimmt. In lästiger Stetigkeit muss man wertvolle Zeit dafür opfern, um Berichte, Anträge und andere administrative Dokumente für das Netzwerk zu schreiben sowie an den regelmäßigen Koordinationstreffen mit den Kolleginnen und Kollegen teilzunehmen. Und das alles, wo man doch viel lieber im Labor wäre und mit seinem Team echte Experimente ausknobeln und besprechen würde – schließlich hat man ja ursprünglich genau deswegen Forschung als Beruf gewählt. Aber sei‘s drum, das neue Mantra lautet nun mal: Die einzelne Forschungsgruppe zählt nur noch nachrangig, man arbeitet vor allem zum Wohle des gesamten Netzwerk-Projekts.
Gerade für die brillantesten Köpfe, die man ja unbedingt dabeihaben will, kann das pures Gift sein. Neben der Bewältigung der Bürokratie sehen sie sich dem Konformitätsdruck im Netzwerk gegenüber, müssen immer wieder Kompromisse mittragen und werden dabei auf gewisse Weise auf eher mittelmäßigem Niveau gleichgeschaltet. Und am Ende verhindert all dies genau den wissenschaftlichen Lichtblitz, den ein brillanter Kopf womöglich in einem Einzelprojekt gezündet hätte. Jedenfalls ist kaum vorstellbar, dass Mendel oder McClintock auf diese Weise „funktioniert“ hätten.
Dass sich derartige Netzwerke aus der Forschungsgemeinde selbst heraus bilden, ist allerdings nur eine – und womöglich noch die gesündere – Möglichkeit, wie sie entstehen. Tatsächlich wurden sie zuletzt verstärkt über zielgerichtete Förderprogramme angeschoben – vor allem, nachdem die Forschungspolitik erkannt hatte, dass Netzwerke ein effizientes und öffentlichkeitswirksames Mittel sind, um Forschung zu lenken.
Was dann konkret passiert, ist, dass mit den größeren Fördersummen eine zunehmende Zahl an – nennen wir sie hier mal – „erzwungenen Netzwerken“ eingerichtet werden. Das Problem bei dieser Art Netzwerk ist jedoch oft, dass die wenigsten von ihnen klar auf spezifische wissenschaftliche Fragen fokussiert sind. Vielmehr umfasst deren Ausschreibung häufig ganze Forschungsfelder auf eine eher undefinierte Weise – beispielsweise „Krebs“, „Klima“ oder „Meeresbiotechnologie“. Und auf diese Weise werden manchmal auch Forschende, deren Arbeit nur am Rande in diese großen Themenfelder passt, dazu genötigt, zu „Netzwerkern“ zu werden – obwohl sie im Kern ganz andere Interessen haben.





