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Gefallen, gefunden, gedeutet
Text: KAI DÜRFELD – Fotos: ANTJE KRAEMER
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An jenem kalten Januarmorgen bot sich für den unbedarften Betrachter ein recht sonderbarer Anblick. Da liefen Männer und Frauen in engen Reihen über die Felder im Havelland nordwestlich von Berlin. Die Gummistiefel halb im Matsch versunken, den Blick fest auf den Boden gerichtet. „Es sah ein wenig danach aus, als wären wir auf Vermisstensuche“, sagt Ansgar Greshake. Der Mineraloge ist Kurator für die Meteoritensammlung des Museums für Naturkunde in Berlin. Wonach er zusammen mit Dutzenden Freiwilligen hier Ausschau hielt, war aber kein Mensch. Es war ein Besucher aus dem All – und zwar ein ganz besonderer, wie sich später herausstellte.
Glücksfall im Januar
Alles begann ein paar Stunden zuvor. Am 20. Januar 2024 kurz vor Mitternacht entdeckte der ungarische Astronom Krisztián Sárneczky ein Objekt am Nachthimmel. Ein Meteoroid, kaum größer als 40 Zentimeter, steuerte direkt auf die Erde zu und drang kurz darauf in die Atmosphäre ein. In wenigen Sekunden ließ ihn die Reibung mit den Luftmolekülen in Flammen stehen. Er wurde zu einer Feuerkugel.
„Dass der Meteoroid über Zentraleuropa reingekommen ist, war ein großer Glücksfall“, sagt Ansgar Greshake. Denn hier überwacht das Feuerkugelnetzwerk – ein Verbund automatischer Kameras – den Nachthimmel. „Die astronomischen Beobachtungen vor dem Eintritt in die Atmosphäre und die Verfolgung der Leuchtspur machen diesen Meteoritenfall zum bestdokumentierten überhaupt.“
Deswegen lässt sich auch zurückverfolgen, woher der Steinbrocken kam. Sein Mutterkörper kreist im Planetoidengürtel zwischen Mars und Jupiter um die Sonne. Wahrscheinlich gab es eine Kollision mit einem anderen Planetoiden, die ein Teil absplittern ließ und in Richtung Erde lenkte. „Die Berechnungen zeigen, dass der Mutterkörper in der erdzugewandten Seite des Planetoidengürtels zu Hause ist“, sagt er. „Es handelt sich also um ein erdnahes Objekt. Solche Himmelskörper sind nicht ungefährlich.“ Denn treffen größere von ihnen unseren Planeten, kann das mit Tod und Zerstörung einhergehen.
Der Meteorit vom Havelland war dafür glücklicherweise nicht groß genug. Er war genau genommen so klein, dass anfangs gar nicht klar war, ob es überhaupt ein Stück von ihm bis auf die Erdoberfläche schafft. Denn für die meisten kleinen Körper ist unsere Atmosphäre ein beinahe undurchdringlicher Schild. Sie werden durch die Kräfte beim Eintritt schlicht und einfach pulverisiert. „Die Aufnahmen vom Fall waren allerdings so gut, dass man das Objekt zerbrechen sehen konnte“, sagt der Mineraloge. „Man erblickte einzelne Fragmente und wusste, dass es einige bis zum Boden geschafft haben müssen.“
Schatzsuche im Havelland
Je nach Größe werden die einzelnen Splitter in der Luft unterschiedlich stark abgebremst. Sie erzeugen dadurch ein Streufeld. Wo genau das liegt, lässt sich aus den Beobachtungsdaten berechnen. Das übernahm ein Team an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Die Ergebnisse wurden rasch im Internet veröffentlicht – eine Art Schatzkarte für alle, die nach frisch gefallenen Meteoriten suchen. Das Zentrum der Vorhersage lag in der Nähe von Nennhausen.
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Schon kurz nachdem der Feuerball den Himmel über Brandenburg erleuchtete, bevölkerten Teams vom Naturkundemuseum, vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie private Meteoritenjäger die Felder um den kleinen Ort im Havelland. Finden konnten sie dort nichts. Denn sie suchten an der falschen Stelle, wie sich herausstellte.
„Die tschechischen Kollegen hatten in ihren Berechnungen anfangs den Wind vergessen“, sagt Ansgar Greshake. Und der macht bei solch kleinen Objekten den großen Unterschied. In dieser stürmischen Nacht trieb er die Trümmer aus dem All vor sich her. Das Streufeld war um beinahe 90 Grad gekippt.
Die korrigierten Karten ließen nicht lange auf sich warten. „Wir haben uns jeden Morgen um sieben in einem Café in Nauen getroffen und die aktuellen Berechnungen angeschaut“, sagt der Mineraloge. „Dann haben wir die Gruppen aufgeteilt und sind weiter auf die Suche gegangen.“
Kosmische Krümel und Splitter
Dass Steine einfach so vom Himmel fallen, ist schon seit Jahrtausenden bekannt. Dass sie aus dem Weltall kommen, war hingegen lange nicht klar. Im Mittelalter schrieb man sie göttlichen Mächten zu. Und selbst in der Zeit der Aufklärung kursierten die wildesten Theorien über ihre Herkunft. Sie würden von weit entfernten Vulkanen ausgespuckt, dachten die einen. Sie könnten sich wie Hagel in der Luft aus feinstem Staub zusammenballen, sagten die anderen. Oder es seien doch nur Vögel, die vom Blitz getroffen und verkohlt zum Boden fallen, meinten ganz abenteuerliche Geister. Aber andere dachten über die Erde hinaus – etwa Ernst Florens Friedrich Chladni, ein Physiker und Astronom aus Wittenberg. Nach einer Reihe wissenschaftlicher Beobachtungen war er sich sicher: Die Steine kommen aus dem Weltall. Als er das 1794 publizierte, war der Aufschrei groß. Angesehene Gelehrte wie Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt hielten das für Unsinn.
Doch Chladni hatte Glück. Auf Ansgar Greshakes Schreibtisch liegt aufgeschlagen ein großes Notizbuch. „L’Aigle“ steht in altdeutschen Lettern auf dem Datenblatt. „Zwischen 1794 und 1812 gab es in Zentraleuropa eine ganze Reihe von Meteoritenfällen, die von Tausenden von Leuten gesehen worden sind“, erzählt er. „Beim Meteoritenfall von L‘Aigle 1803, in Nordfrankreich, ordnete die französische Regierung sogar eine offizielle Untersuchung an. Die Ergebnisse stützten Chladnis These – die Meteoritenkunde war als Wissenschaft geboren.“
Seither hat man viel über die Brocken aus dem All gelernt. Einige blieben bei der Entstehung des Sonnensystems übrig. Andere sind Staubkörner, die ein Komet verliert, wenn der Sonnenwind an seinem Kern rüttelt. Und dann gibt es Splitter, die beim Zusammenstoß großer Himmelskörper – Planetoiden, Monde, sogar Planeten – davongeschleudert werden. Sie alle bewegen sich auf elliptischen Bahnen um die Sonne. Manche davon kreuzen auch die Erdbahn. Und zuweilen treffen dann welche auf unseren Planeten.
Gerade noch im Vakuum des Weltalls unterwegs, werden die Himmelskörper in der dichten Atmosphäre jäh abgebremst. Die Reibung heizt sie auf, schmilzt ihre Oberfläche und versieht sie mit einer charakteristischen, fast schwarzen Kruste. Das ist auch einer der Gründe, warum Meteoritenjäger in den heißen und kalten Wüsten der Erde auf Suche gehen. Denn im Schnee der Antarktis oder dem Sand der Sahara werden die Steine aus dem Weltall nicht nur über die Jahrhunderte konserviert, sie heben sich auch farblich wunderbar vom Untergrund ab. „Rund 99,9 Prozent aller frischen Meteoritenfunde sind pechschwarz“, sagt Ansgar Greshake. Und das wurde in jenen Januartagen 2024 im Havelland zum Problem.
Nicht schwarz, sondern weiß
Dort war die Suche vier Tage lang erfolglos, als plötzlich ein polnischer Meteoritenjäger einen verdächtig aussehenden, hellgrauen Stein in den Händen hielt. Schlagartig war den Suchtrupps klar, womit sie es hier zu tun hatten: mit einem äußerst seltenen Aubriten. Der Kurator öffnet einen der schweren Metallschränke, die in Zweierreihe sein Büro im Naturkundemuseum zieren. Er zieht eines der Schubfächer heraus und greift nach einem weißen Stein mit dunklen Sprenkeln. „Das ist der Namensgeber für die Meteoritengruppe der Aubrite“, sagt er. „Der wurde nach dem kleinen Örtchen Aubres in Südfrankreich benannt, wo er im Jahre 1836 vom Himmel fiel.“
Dass auch der Stein vom Havelland zu dieser Gruppe gehörte, kann der Mineraloge kurz darauf bestätigen. Denn er ist der Erste, der eines der Fragmente im Labor genauer unter die Lupe nimmt. Und er darf auch einen Namen für den Fund vorschlagen. Ribbeck wird der Stein von nun an heißen, benannt nach dem kleinen Örtchen unweit der Fundstelle. Insgesamt werden in den nächsten Tagen 203 Stücke von den Äckern gelesen. Zusammen bringen sie rund 1,8 Kilogramm auf die Waage. Ein Teil wandert in die Sammlung des Naturkundemuseums. Ein anderer in die Labore des DLR. Der Rest sucht schon bald auf Sammlerbörsen nach zahlungskräftigen Liebhabern.
Für den Mineralogen Ansgar Greshake und die meisten aus seinem Team war es die erste Suche nach einem frisch gefallenen Meteoriten. Die Analyse im Labor ist für den Kurator längst Routine. Die meisten Stücke erreichen ihn mit der Post. Die Absender, sagt er, ließen sich dabei in zwei große Gruppen einteilen. Die einen haben einen schwarzen Stein gefunden und wollen wissen, ob das nun ein Meteorit sei. So etwas geschieht besonders nach solch medienträchtigen Ereignissen wie dem Fall von Ribbeck. Oft muss er dann nicht mal bis ins Labor gehen. Denn viele Stücke kann der erfahrene Mineraloge schon beim ersten Blick als Schlacke oder andere Überreste aus irdischer Industrie identifizieren. Die zweite Gruppe bilden die professionellen Händler oder Sammler. Auch sie bitten den Kurator, die zugesandten Himmelssteine zu bestimmen. Der Lohn dafür ist ein Stück davon. „So wächst unsere Sammlung“, freut er sich.
Einschlüsse im Gestein
Das hölzerne Kästchen, das Ansgar Greshake vorsichtig öffnet, ist voll von gläsernen Objektträgern. Mit Bedacht nimmt er einen davon heraus. Es ist ein Dünnschnitt einer Meteoritenprobe. „Vom Stein wird dafür eine hauchdünne Scheibe abgeschnitten, auf einen Objektträger aus Glas geklebt und anschließend so lange geschliffen, bis das Licht durchscheinen kann“, erklärt er und platziert das Glas mit geübten Handgriffen in einer metallenen Halterung. Die verschwindet in einem der Meteoritenlabore des Museums nur wenig später in der kleinen Schleuse des Elektronenmikroskops.
Sobald das Messinstrument zur Rechten ein Vakuum signalisiert, lässt Ansgar Greshake die Probe in die Kammer mit dem Elektronenstrahl fahren. Der tastet das Meteoritenscheibchen ab und zaubert im Handumdrehen ein Bild auf den danebenstehenden Monitor. Dort fallen gleich auf den ersten Blick die kleinen runden Einschlüsse ins Auge. Chondren heißen sie, was aus dem Altgriechischen kommt und so viel wie Graupe oder Korn bedeutet. Gustav Rose, ein früherer Kurator am Naturkundemuseum, hat ihnen 1863 diesen Namen gegeben. „Die Meteoritensammlung des Hauses war damals zwar nicht riesig, aber repräsentativ“, sagt Ansgar Greshake. „Es gab viele verschiedene Typen, von denen Rose Dünnschnitte anfertigen ließ, sie mikroskopierte und daraus die erste Systematik entwickelte.“ Und die ist in ihren Grundzügen heute noch gültig.
Experten unterscheiden zwei Hauptklassen – die undifferenzierten und die differenzierten Meteorite. Erstere sind Relikte aus der frühesten Entwicklungsphase unseres Sonnensystems. Sie repräsentieren das Material des ursprünglichen Nebels, aus dem sich einst die anderen Himmelskörper bildeten, auch die Planeten und ihre Monde. Am auffälligsten sind die millimeterkleinen Schmelzkügelchen in diesen Meteoriten: die von Rose beschriebenen Chondren. Die entstanden durch schnelles Aufheizen und Abkühlen der Urmaterie – wahrscheinlich durch Stoßwellen bei der Geburt der Gasplaneten.
Aus dieser Materie formten sich dann nach und nach die Himmelskörper, die wir heute kennen. Aufgeheizt durch den Zerfall radioaktiver Elemente, sanken Metalle wie Eisen und Nickel ins Zentrum der Körper und bildeten dort einen Kern. Darüber formten Silikate eine Kruste, die erkaltete und sich verfestigte. Meteorite, die durch Kollisionen aus solchen Mutterkörpern herausgeschlagen wurden, nennt man differenziert. Die silikatreichen aus der Kruste enthalten keine Chondren und heißen deshalb Achondrite. Jene Brocken aus dem Kern sind als Eisenmeteorite bekannt. „Es gibt aber auch Stücke von der Grenze zwischen Metall und Silikatgestein“, sagt Ansgar Greshake und hält eine irisierende geschliffene Platte gegen das Licht. „Das hier zum Beispiel ist ein Pallasit, eine Form der Steineisenmeteorite.“
Was die Himmelssteine lehren
Als Zeugen jener kosmischen Prozesse lässt sich von Meteoriten viel über die Entstehung unseres Sonnensystems lernen. Doch das ist bei Weitem nicht das einzige Geheimnis, das sich mit den Steinen lüften lässt. Sie sollen auch bei einer der größten Fragen überhaupt neues Licht ins Dunkel bringen – bei der nach der Entstehung des Lebens.
Kleinkörper wie Planetoiden und Kometen tragen organische Verbindungen mit sich. „Natürlich sind das keine Mikroben“, winkt der Kurator lachend ab. „Wir reden hier über kurzkettige Kohlenstoffverbindungen – also von Urbausteinen, die zur Entwicklung des Lebens beitragen könnten.“
Um mehr darüber zu erfahren, wie sich solche Verbindungen bilden, wie daraus einfache Aminosäuren werden und wie all dies unter den extremen Bedingungen des Alls überdauern kann, werden heute aufwendige Raumfahrtmissionen geplant. Sie fliegen zu Planetoiden, entnehmen Proben und kehren damit zur Erde zurück. Eine Lieferung frei Haus versprechen hingegen frische Meteoritenfälle wie der von Ribbeck. Für Astrobiologen ist das eine wahre Goldgrube. Doch nicht lange. Denn ihr Aufenthalt auf unserem Planeten geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Luft, Wasser und Temperaturwechsel verändern ihre Chemie. „Von solchen Exemplaren lassen die Organiker die Finger“, erzählt der Mineraloge.
Doch für jene, die ihr Forscherleben der Erkundung fremder Welten widmen, sind sie trotzdem von großem Wert. Besonders, wenn es sich um ein so seltenes Stück wie Ribbeck handelt. „Die chemische Zusammensetzung von Aubriten gibt es in dieser Art und Weise auf der Erde nicht“, erklärt Ansgar Greshake. „Das ist ein sehr exotisches Material, das der Chemie auf der Oberfläche des Planeten Merkur ähnelt.“
Kein Wunder, dass der Fund im Havelland die Forscher elektrisiert. Denn vom innersten Planeten des Sonnensystems ist noch nicht viel bekannt. Die Nähe zu unserem Zentralgestirn macht Missionen dorthin schwierig. Nur zweimal erhielt Merkur bisher Besuch von der Erde. Die dritte Sonde – BepiColombo – soll im nächsten Jahr in seinen Orbit schwenken. Das DLR in Berlin-Adlershof ist maßgeblich an der Mission beteiligt.
„Die Kollegen waren in heller Aufregung“, erinnert sich der Mineraloge. „Sie haben nicht lockergelassen, bis die ESA ihnen erlaubte, ihr Instrument auf der Sonde schon bei einem Swing-by-Manöver einzuschalten.“ Die Daten, die sie dort erhielten, verglichen sie mit denen von Ribbeck aus dem Labor. Die Ähnlichkeit war verblüffend und stellte die Forscher vor ein Rätsel.
Am Planetoidengürtel als Heimat von Ribbecks Mutterkörper lässt sich nicht rütteln. Doch wie kam er dorthin? Vielleicht wurde er in der wilden Jugend unseres Sonnensystems nach der Kollision von Merkur und einem anderen Körper in den Planetoidengürtel geschleudert. Oder aber er gehört zu den Resten jener Materie, aus denen sich der Merkur einst gebildet hat. Eindeutig lässt sich das heute nicht beantworten – aber vielleicht hilft die Raumsonde BepiColombo dabei, das Rätsel zu lösen.
Damit auch künftige Forschergenerationen den Steinen aus dem All ihre Geheimnisse entlocken können, gehen sie nach Analyse und Klassifikation im Museum in die wissenschaftliche Sammlung über. „Sie werden in einem der Schränke hier gelagert“, sagt Ansgar Greshake und zeigt hinter sich. Und die schönsten unter ihnen erhalten einen Platz in der Ausstellung. „Das gilt natürlich auch für Ribbeck. Ein so besonderer Fall mit direktem Bezug zur Region hat sogar seine eigene Vitrine verdient.“ ■
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