Die Fälle erschreckten, doch sie geschahen stets beruhigend weit weg. In Haiti etwa, wo dutzende Kinder starben, weil sie Fiebersirup schluckten, der mit giftigem Diethylenglykol gestreckt war. Oder in Kambodscha, wo unwirksame Malaria-Pillenimitate den Chef der nationalen Naturschutzbehörde töteten. In manchen Entwicklungsländern, warnte eine Studie kürzlich, seien bis zu 60 Prozent mancher Arzneimittel – beispielsweise der Malaria-Medikamente – gefälscht, Tendenz steigend. Der reiche Norden dagegen darf sich sicher fühlen, weil seine teuren Medikamente straff kontrolliert werden. Oder? In der Tat tauchten gefälschte Arzneien in den Wohlstandsländern Europas und Nordamerikas bislang nur in Einzelfällen auf. Doch diese Einzelfälle häufen sich, sorgen sich Experten. In den USA fanden Ermittler im Sommer 2001 gleich drei verschiedene Fälschungen in Apotheken – zwei Hormonpräparate gegen Aids und ein Krebs-Medikament. Einige der Imitate, die von billigen Kopien bis zu wirkstofffreien Panschereien reichten, flogen erst auf, als sich Patienten über unerwartete Nebenwirkungen beschwerten. Die Behörden staunten noch über die „höchst ungewöhnliche” Häufung von Fällen, als dieses Frühjahr innerhalb von zwei Monaten fünf neue Fälschungen in Apotheken auftauchten, darunter Imitate eines HIV-Medikaments von GlaxoSmithKline, eines Immunpräparates von Bayer und eines Mittels gegen Anämie der US-Firma Amgen. „ Beängstigend”, kommentiert Donald deKieffer, ein Branchenkenner und Handelsrechtsanwalt aus Washington. „Die Kontrollsysteme erweisen sich zunehmend als verwundbar.” Verlässliche Zahlen sind rar, doch deKieffer kennt Schätzungen, wonach bereits fünf Prozent der Pharmaprodukte in den USA gefälscht sein sollen. Die Gründe sind sterbensklar. Medikamente bringen viel Geld – Serostim etwa, eines der gefälschten Hormonpräparate, kostet 21000 Dollar pro 12-Wochen-Kur – und sie lassen sich relativ einfach imitieren. Oft genügen schon ein Drucker und ein Standard-Grafikprogramm, um die Verpackungen zu imitieren oder aufgeklebte Etiketten nachzumachen. So lassen sich abgelaufene Medikamente erneuern oder Pillen, die einem teuren Präparat ähneln, mit einer neuen Hülle versehen. „Grundsätzlich gilt: Gefälscht wird alles”, sagt der German Pharma Health Fund, ein gemeinnütziger Verein forschender Pharmahersteller. In einem der US-Fälle etwa täuschte die Verpackung ein mächtiges Psychopharmakon für Schizophreniker vor. Doch darin waren nur Allerwelts-Kopfschmerztabletten. Andere Fälscher panschen eigene „ Medizin” zusammen: aus Backpulver, aus Sägemehl, aus giftigen Chemikalien. Heilen können die falschen Arzneien selten. Dafür bringen sie ihren skrupellosen Urhebern, die oft dem organisierten Verbrechen entstammen, schätzungsweise bis zu 21 Milliarden Dollar jährlich ein, wie aus einem Report der WHO hervorgeht. In europäische und amerikanische Handelskanäle gelangen Fälschungen meist über den „grauen Markt”, eine undurchsichtige Zone zwischen Legalität und Verbrechen, aus der sich auch manche profitbestrebten Großhändler bedienen. Hier werden illegal abgezweigte Pillen aus humanitären Arzneimittelspenden an Entwicklungsländer genauso gehandelt wie billige Parallelimporte. „In Polen etwa können Großhändler Medikamente für ein Fünftel des Preises kaufen, den sie im Westen bezahlen müssten”, sagt der Vorsitzende des Internationalen Verbands der Arzneimittelhersteller (IFPMA), Harvey Bale. „Das führt natürlich in Versuchung.” Wenn solche zwielichtigen Vertriebskanäle erst etabliert sind, sagen Szenenkenner, ist es ein Klacks für die Fälscher, ihre Produkte mit einer geklauten Chargennummer zu versehen und unter eine Ladung Originalmedikamente zu mischen, wo sie nur mit viel Glück bei einer Stichprobe auffallen. Sind sie einmal im Handel, können selbst Apotheker Fälschung und Original oft nicht ohne sorgfältige Laboranalyse unterscheiden. Noch gibt es hierzulande keinen Grund zur Panik, betonen Pharma- und Apothekervertreter einmütig. In Deutschland ist bisher kein Fall bekannt, bei dem Patienten durch gefälschte Medikamente zu Schaden gekommen sind, auch wenn es ein paar verstörende Vorfälle gibt. 1996 etwa entdeckte ein Hersteller nur durch Zufall, dass 13 Millionen minderwertige Kopien des Blutdruck senkenden Mittels Corinfar in deutschen Apotheken gelandet waren. Und dieses Jahr tauchten unautorisierte Versionen des Antithrombose-Mittels Fraxiparin auf. „Das genaue Ausmaß von Verdachtsfällen ist aber unbekannt, da nur ein Teil aufgedeckt wird und die Firmen zudem anscheinend versuchen, Fälschungen möglichst geheim zu halten, aus Furcht vor Ansehensverlust”, sagt Petra Zagermann-Muncke von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Fest steht, dass die Gefahr längst aus der Dritten Welt überschwappt. Studien in Russland zeigten, dass dort bereits mehr als eins von zehn Vitaminpräparaten und Arzneimitteln gefälscht ist, darunter so lebenswichtige Medikamente wie Herztabletten und Antibiotika. Manche der Imitate kommen aus Polen, dem hoffnungsvollen EU-Kandidaten. Sorgen bereiten den Experten aber auch die populären Internet-Apotheken, über die man sowohl rezeptfreie als auch rezeptpflichtige Medikamente bekommen kann. Arzneimittelfälschungen könnten in Europa „in naher Zukunft ein potenziell großes Problem werden”, sagt Bale. Die Industrie bemüht sich, ihre oft schlichten Verpackungen fälschungssicherer zu machen, etwa durch aufgedruckte Hologramme. „Aber sie sind nicht die Schnellsten”, sagt Markenschutzexperte Keith Widdowson von der Firma De La Rue. „Es ist eine Branche, die an lange Entwicklungszeiten gewöhnt ist.” Immerhin findet jetzt Ende September in Genf unter Beteiligung der WHO das erste globale Treffen zu Arzneimittelfälschungen statt. Allerdings können auch Hologramme die Wohlstandsländer nicht vor den Folgen der grassierenden Medikamentenfälscherei in Ländern wie Vietnam oder Nigeria schützen. Nichts fälscht die Medizinmafia lieber als Antibiotika, hat die WHO beobachtet, und die Schwemme an minderwertigen Bakteriziden hilft bereits, ultraresistente „ Superkeime” entstehen zu lassen. Und gegen die sind dann auch die makellosen Hochpreispillen des Nordens machtlos.
Internet
Der German Pharma Health Fund, eine Vereinigung forschender deutscher Pharma-Unternehmen, mit Informationen über Arzneimittelfälschungen in Entwicklungsländern: http://www.gphf.org Die Weltgesundheitsorganisation WHO über ihre Aktionen gegen gefälschte Medikamente: http://www.who.int/medicines/organization/qsm/activities/qualityassurance/counterfeit/counterfeit_info.shtml Konferenz zu Arzneimittelfälschungen: www.pharma-anticounterfeiting.info/
Ute Eberle





