Ein Schlaganfall? Den bekommen doch nur alte Leute. Diese Annahme ist weit verbreitet und doch falsch. Das Münchner Esped-Register für seltene pädiatrische Erkrankungen verzeichnet Jahr für Jahr in Deutschland 600 bis 800 junge Patientinnen und Patienten mit einem Schlaganfall – von Kindern im Mutterleib über Säuglinge und Kleinkinder bis zu 18-Jährigen.
Allein in der Kinderklinik der Universität Freiburg/Breisgau werden pro Jahr 10 bis 20 Kinder und Jugendliche mit akutem Schlaganfall eingewiesen. Während die Erwachsenen sofort auf die Stroke-Unit der Neurologie kommen, ist es wichtig, dass die unter 18-Jährigen bei dem Verdacht auf einen Schlaganfall gezielt kinderheilkundlich und jugendmedizinisch behandelt werden. „ Kinder sind keine kleinen Erwachsenen”, sagt der Neuro-Pädiater Heymut Omran. So funktioniert schon das Gerinnungssystem bei einem Säugling anders als bei größeren Kindern. Kinder mit Verdacht auf Schlaganfall kommen deshalb sofort in die Gerinnungsambulanz. Dort lässt Barbara Zieger, Spezialistin für kindliche Gerinnungsstörungen, bei den kleinen Patienten unter anderem die genetische Veranlagung und die Marker im Blut untersuchen, die für eine aktivierte Gerinnung sprechen.
Ein Schlaganfall kann sich unterschiedlich äußern und ist gerade bei sehr kleinen Kindern aufwendig zu diagnostizieren. Anzeichen für einen Schlaganfall sind beispielsweise eine Halbseitenlähmung, häufige Stürze, Probleme beim Greifen, ein unsicherer Gang oder – selten – Kopfschmerzen. Manchmal können auch Unfälle einen Schlaganfall auslösen, sagen Omran und Zieger. Die Ärzte möchten keine unnötigen Ängste schüren. Schließlich bringen die meisten der betroffenen Kinder und Jugendlichen bereits eine Vorerkrankung mit. Laut Esped-Studie haben 60 Prozent der erfassten Kinder zu dickes Blut (Gerinnungsstörungen), 20 Prozent angeborene Gefäßkrankheiten, 10 Prozent bestimmte Viren, weitere 10 Prozent leiden unter Stoffwechsel- und Herzerkrankungen. Selbst innerhalb der Altersgruppe bis 18 Jahre unterscheiden sich die Ursachen eines Schlaganfalls, erläutert Omran. Erkrankungen am Herzen sind im Säuglingsalter am häufigsten. Im Vorschulalter spielen Infektionskrankheiten die größte Rolle. In der Pubertät können Jugendliche durch Stoffwechselerkrankungen wie den Morbus Fabry (eingeschränkte Funktion eines Enzyms zum Abbau bestimmter Fette) gefährdet sein.
An der Universitätsklinik Münster führt die Pädiatrie-Professorin Ulrike Nowak-Göttl eine bundesweite Schlaganfall-Datenbank für Kinder und Jugendliche. Da bei den Betroffenen degenerative Prozesse noch keine Rolle spielen, verweist sie auf die Wechselwirkung zwischen genetischen Faktoren und Lebensstil. Immerhin fünf bis acht Prozent der Kinder bekommen einen zweiten Schlaganfall. Nowak-Göttl: „Deshalb rate ich dazu, Fastfood und Passivrauchen zu vermeiden, und empfehle dringend, dass sich die Kinder mehr bewegen.” ■
von Heidrun Wulf-Frick
INTERNET
Informationen und Broschüren gibt es beim Förderverein „ Schlaganfall und Thrombosen im Kindesalter e.V.” unter www.paediatrische-haemostaseologie.de (Stichwort Eltern-/Patienteninfo) und unter www.schlaganfall-hilfe.de





