Die in deutscher Übersetzung vorgelegte Biographie von William R. Shea und Mariano Artigas schafft dieses Dilemma leider nicht aus der Welt. Dabei liegt es nicht an Stil und Präsentation. Der Text ist in viele leichtverdauliche Lesehäppchen aufgeteilt, und geschrieben ist das Ganze mit ebenso leichter wie sicherer Hand, mit Witz, Spannungsbögen, Ironie und angenehmem Understatement, wie es angelsächsische Autoren nun einmal so unnachahmlich gut können. Und auch der Kern der Erzählung, die Vita des tragischen, aber auch umtriebigen und intriganten Helden, wird durchaus gemeistert. W oran es fehlt, ist die Einbettung: in das kulturelle und soziopolitische Milieu Roms, ja in die Epoche insgesamt. Den unleidigen Begriff „Gegenreformation“ möchte man nicht mehr sehen, spiegelt er doch einen längst obsoleten Forschungsstand wider. Die Umrisse von Päpsten und Pontifikaten sind arg verzeichnet. Ein kurzer Ausschnitt aus einer langen Mängelliste: Ausgerechnet Paul V., der vorsichtigste von allen, wird als aggressiver Hardliner vorgestellt, der Stadt Rom am Ende des 16. Jahrhunderts eine viel zu hohe Einwohnerzahl unterschoben.
Zudem werden längst als solche erwiesene Legenden (wie etwa die heißlaufenden Seile bei der Aufstellung des vatikanischen Obelisken) als authentische Berichte präsentiert, und geschichtliche Rahmenbedingungen bleiben unklar. So ist die „Borgia-Affäre“ im März 1632, als der spani-sche Kardinal Borgia Urban VIII. mit Absetzung droht, nur vor dem Hintergrund der frankreichfreundlichen Politik dieses Papstes zu verstehen, die wiederum unauflöslich mit seinem Nepotismus verbunden ist. So bleibt nur das Fazit, daß hier ein fesselnder Galilei für Einsteiger vorliegt, den man als spannenden Wissenschaftskrimi lesen kann – ohne den Autoren allerdings alles ungeprüft zu glauben.
Rezension: Reinhardt, Volker




