von RÜDIGER VAAS
Es gibt eine neue Karte unserer Welt – sehr unscharf, mit vielen weißen Flecken und Fragezeichen. Aber es zeichnen sich bereits erste Strukturen ab – wie im Nebel noch, doch bald werden wir klarer sehen. Es ist ein Gefühl wie bei der Entdeckung neuer Meere, Inseln und Kontinente. Allerdings geht es hier nicht um die Erde, sondern um unsere kosmische Heimat: die Galaxis. Zum ersten Mal überhaupt erblicken wir sie nun im Abbild der Neutrinos.
Zu sagen, dass unsere Milchstraße jetzt in einem „neuen Licht“ erscheint, wäre freilich eine irreführende Metapher. Denn Neutrinos gehören weder zum sichtbaren noch zu irgendeinem anderen Bereich der elektromagnetischen Strahlung. Sie sind nicht einmal Bosonen, wie die Photonen, sondern Fermionen; sie zählen also zum Reich der Materie.
Allerdings unterliegen Neutrinos nicht der Starken Wechselwirkung, die die Quarks im Inneren der Protonen und Neutronen zusammenhält und die Existenz von Atomkernen ermöglicht. Die elektrisch neutralen Neutrinos gehorchen auch nicht der elektromagnetischen Kraft, sondern lediglich der Schwachen Wechselwirkung und der Gravitation. Daher sind sie äußerst flüchtig – quasi Geisterteilchen, die mühelos ganze Planeten und Sterne durchdringen. Und das tun sich fast mit Lichtgeschwindigkeit, weil ihre Ruhemasse äußerst gering ist (weniger als ein Elektronenvolt).
Teilchen wie Stechmücken
Bislang haben Physiker nur galaktische Neutrinos geringer Energie aus dem Sonnensystem detektiert: aus den Fusionsvorgängen im Zentrum der Sonne, aus Kollisionen von Partikeln der Kosmischen Strahlung mit Atomkernen der Erdatmosphäre sowie aus Kernreaktionen in Atomkraftwerken und bei Experimenten der Grundlagenforschung. Hinzu kamen einige Neutrinos von der Supernova 1987A in der Großen Magellanschen Wolke.
Seit über einem Jahrzehnt misst der IceCube-Detektor nun eine ganz andere Art der Geisterteilchen: extrem hochenergetische (bdw 2/2015, „Auf Neutrinofang im Ewigen Eis“). Sie sind Milliarden Mal energiereicher als die Neutrinos aus der Sonne und stammen, soweit lokalisierbar, aus weit entfernten Galaxien. Mit teils über einem Petaelektronenvolt (1015 Elektronenvolt) haben sie die tausendfache Bewegungsenergie einer fliegenden Stechmücke – konzentriert auf ein einziges Teilchen! Das liegt Größenordnungen über dem Vermögen des leistungsfähigsten Teilchenbeschleunigers der Menschheit, dem Large Hadron Collider bei Genf.
Der IceCube-Detektor besteht aus 5160 lichtempfindlichen Photomultipliern, die an insgesamt 86 Stahlkabeln 1,45 bis 2,45 Kilometer tief ins Gletschereis der Antarktis versenkt wurden. Wechselwirkt ein Neutrino mit einem Atomkern im Eis oder der Gesteinsschicht darunter – was sehr, sehr selten geschieht! –, dann können geladene Sekundärteilchen entstehen, die weiterhin nahezu in derselben Richtung durch das Eis flitzen, und zwar so schnell, dass sie Tscherenkow-Strahlung aussenden (siehe bdw 9/2023, „Effektiv überlichtschnell“). Dieses schwache bläuliche Leuchten können die Photomultiplier registrieren. Solche Ereignisse dauern nur wenige Millionstel Sekunden.





