Lange Zeit galt Gähnen als ein Versuch des Organismus, sich mit weit aufgerissenem Mund eine ordentliche Portion frischer Luft zu holen, um so den Sauerstoffmangel im Gehirn und damit die Schläfrigkeit zu vertreiben. Schließlich gähnen wir vor allem, wenn wir müde werden. Doch jeder von uns hat sicher schon die Erfahrung gemacht, dass das nicht funktioniert. Zwar wird das Gehirn durch das tiefe Einatmen tatsächlich besser durchblutet, doch amerikanische Forschende haben festgestellt, dass Menschen auch bei sehr guter Sauerstoffversorgung des Blutes gähnen. Und tatsächlich können wir ja noch so oft und herzhaft den Mund aufreißen: Munterer werden wir dadurch nicht. Außerdem gähnen wir auch, wenn wir gar nicht müde sind und uns einfach nur langweilen.
Deshalb vermuten einige Wissenschaftler, dass Gähnen weniger ein körperlich notwendiger oder auch nur sinnvoller Vorgang ist, sondern vielmehr eine Art Signal, das die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ausdrücken soll. Dafür spricht, dass es ansteckend ist. Man kennt das ja: Egal, wie fröhlich eine Runde bei einer Feier und wie gut die Stimmung ist – sobald der Erste anfängt zu gähnen, machen es ihm bald immer mehr Gäste nach. Und kurz darauf gehen alle nach Hause. Nach aktuellen Erkenntnissen sind dafür sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn verantwortlich. Diese werden aktiv, wenn man andere bei einer bestimmten Tätigkeit beobachtet. Bemerkenswert ist dabei, dass sich vor allem Personen vom Gähnen eines Mitmenschen anstecken lassen, die sich auch sonst durch ein hohes Einfühlungsvermögen anderen gegenüber auszeichnen.
Britische Forscher haben dazu ein Experiment gemacht. Zu den in einem Warteraum sitzenden Personen gesellte sich eine Frau, die nach kurzer Zeit begann, demonstrativ lang und ausgiebig zu gähnen. Dabei beobachteten die Wissenschaftler, wer von den Wartenden mitgähnte und wer nicht. Anschließend ermittelten sie mit speziellen psychologischen Tests, wie gut sich die Anwesenden grundsätzlich in den Gemütszustand anderer Menschen hineinversetzen können. Das Ergebnis: Diejenigen, die sich besonders leicht vom Gähnen der Versuchsperson anstecken ließen, hatten auch die höchsten Empathiewerte.





