von CHRISTIAN JUNG
Nach wie vor weiß man bei Morbus Parkinson nicht, wie lange die Erkrankung im Körper unbemerkt Anlauf nimmt, bevor sie sichtbar und vor allem bis sie korrekt diagnostiziert wird. Denn die ersten Symptome sind oft so unspezifisch, dass sie häufig allen möglichen anderen Krankheiten zugeschrieben werden.
„Über die Frühphase der Parkinsonerkrankung und vor allem die ganz, ganz frühen Phasen im Organismus, die zumindest in einigen Fällen 20 Jahre und länger vor der späteren Diagnose liegen dürften, wissen wir immer noch viel zu wenig“, sagt Brit Mollenhauer, Chefärztin der Paracelsus-Elena-Klinik für Parkinsonsyndrome und Bewegungsstörungen in Kassel: „Es fehlen noch viele Details über Ursprung und Auslöser der Krankheit, darüber, wann, wie und wo die Stunde null sich gestaltet, und die Zeit, in der sich die ersten für die Erkrankungen spezifischen Eiweißmoleküle falsch falten und die typischen Ablagerungen im Gehirn entstehen.“
Es fehlen Kriterien, die eindeutig sagen: Diese Frau oder dieser Mann hat Parkinson, auch wenn man es erst in ein paar Jahren oder noch später bemerken wird. Bis zu einem Drittel ließe sich vermutlich anhand genetischer Auffälligkeiten diagnostizieren, für die anderen benötigen Forschende wie Therapeuten biologische Merkmale, die objektiv messbar sind und zielsicher verraten, was auf einen spezifisch krankhaften Prozess im Körper hinweist. Das können Substanzen sein, die nur dann auftreten, wenn der Organismus eine bestimmte Erkrankung hat. Im Optimalfall kommen solche Substanzen nur in ein und derselben molekularen Struktur und nur in einer bestimmten Krankheitsphase vor.
Verräterische Proteine
Mollenhauer stellte 2024 ein Testverfahren vor, das bei Risikopatienten die Diagnose einer Parkinsonerkrankung anhand einer Blutprobe und mithilfe künstlicher Intelligenz bis zu sieben Jahre vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome erlaubt. Entwickelt und getragen wurde das von der Europäischen Union mit sechs Millionen Euro geförderte Projekt von der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Göttingen und vom University College London.
In einem ersten Schritt wurden Blutproben, also Blutplasma oder Serum, auf die Konzentration bestimmter Proteine hin durchsucht. Die Proben stammten von 100 Parkinsonpatienten der Elena-Klinik Kassel und der Kontrollgruppe aus 36 gesunden Personen. Die Erkrankten sind allesamt Teilnehmende der seit 2009 laufenden De-Novo-Parkinsonstudie (DeNoPa) zur Langzeitbegleitung von Personen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme die Diagnose gerade frisch erhalten hatten. Die Teilnehmenden in beiden Probandengruppen werden (abhängig von der Aufnahme ins DeNoPa-Panel) seit 10 bis 15 Jahren kontinuierlich von Mollenhauer begleitet und regelmäßig untersucht.





