Für die Versorgung von Frühgeborenen galt lange der Brutkasten als erste Wahl. In sorgfältig abgeschirmter und medizinisch überwachter Umgebung soll die fehlende Zeit im Mutterleib ausgeglichen werden. Doch auch wenn diese Behandlung vielen Frühchen das Leben gerettet hat, zeigt sich mehr und mehr, dass die Babys noch etwas anderes brauchen: körperliche Nähe. Darauf setzt die sogenannte Känguru-Methode. Dabei liegt das Baby nur mit einer Windel bekleidet auf dem nackten Oberkörper der Mutter oder anderer Angehöriger.
„Haut-zu-Haut-Kontakt bei Frühgeborenen hat nachweislich viele Vorteile“, berichtet Katherine Travis von der Stanford University. „Frühere Studien haben bereits Vorteile für die Bindung zu den Eltern sowie für Schlaf, Herz- und Lungenfunktion und Wachstum nahegelegt. Auch Schmerzen und Stress lassen sich dadurch reduzieren.“ Unklar war allerdings bisher, inwieweit sich der direkte Hautkontakt auch auf die Entwicklung des Säuglingsgehirns auswirkt.

Hilfreiches Kuscheln
Um das herauszufinden, werteten Travis und ihr Team Daten von 88 Babys aus, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen. Die Frühchen wogen bei ihrer Geburt durchschnittlich 1,2 Kilogramm und verbrachten danach durchschnittlich zwei Monate im Krankenhaus. Während dieser Zeit dokumentierte das Pflegepersonal, wie oft die Eltern ihr Kind besuchten und wie oft sie in direktem Hautkontakt mit ihm kuschelten. Kurz vor der Entlassung wurde das Gehirn jedes Säuglings im MRT gescannt.
„Die Familien in unserer Studie unterschieden sich darin, wie oft sie ihr Kind besuchten“, berichtet das Forschungsteam. Einige kamen mehrfach täglich, andere nur alle paar Tage. Auch der Haut-zu-Haut-Kontakt variierte beträchtlich. „Zehn der Kinder durften täglich mehr als 50 Minuten Haut auf Haut auf der Brust ihrer Eltern liegen, sechs dagegen hatten während ihres gesamten Krankenhausaufenthalts gar keinen direkten Hautkontakt mit ihren Familienmitgliedern.“ Im Durchschnitt nutzten die Familie die Känguru-Methode alle zwei bis drei Tage und nahmen sich dafür durchschnittlich 70 Minuten Zeit.
Dieser Körperkontakt wirkte sich offenbar positiv aus: Die Hirnscans offenbarten, dass bei Frühchen, die besonders viel mit ihren Eltern kuscheln durften, die weiße Masse in zwei wichtigen Hirnregionen stärker wuchs. Der eine Bereich war das Cingulum, das Teil des limbischen Systems ist und unter anderem mit der Aufmerksamkeit und der Regulation von Emotionen in Verbindung gebracht wird. Ebenfalls mehr weiße Masse zeigten Hirnbereiche, die den Thalamus mit der Großhirnrinde verbinden und unter anderem an der emotionalen Verarbeitung und am Gedächtnis beteiligt sind. Je länger und je öfter die Frühchen Haut-zu-Haut-Kontakt hatten, desto besser entwickelte sich demnach ihr Gehirn. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die potenzielle Bedeutung von Hautkontakt in den ersten Lebenswochen eines Frühgeborenen“, schreibt das Team.





