Es gibt sicherlich Schlösser, die es einem leichter machen, sich für sie zu begeistern, als das zwischen 1763 und 1769 von Friedrich dem Großen errichtete Neue Palais im Park Sanssouci. Das Palais, dessen gewaltige Masse das Ende der schnurgeraden Hauptachse des Parks wie ein Bollwerk abschließt, ist weder so charmant wie Sanssouci in seinem Understatement, noch ist es architekturgeschichtliche Avantgarde wie Friedrichs Opernhaus Unter den Linden in Berlin. Schon die zeitgenössische Architekturkritik bemängelte den „sonderbaren Steinklumpen“ mit seinem überbordenden Figurenschmuck von über 500 Skulpturen, „auf dessen Balustrade gleichsam Jahrmarkt mit Puppen gehalten wird“, wie Heinrich Ludwig Manger 1789 schreibt. Ähnlich äußerte sich auch der englische Reisende John Moore nach seinem Besuch 1775, dem auch das Innere showy und gaudy, also übertrieben, erschien. Diese Übertreibungen waren aber kein Ergebnis missglückter Planungen oder schlechten Geschmacks, sondern bewusst angestrebt. Das oft zitierte Wort „Fanfaronade“, wörtlich „Herumtrompeterei“, mit dem Friedrich selbst sein Schloss bezeichnete, kommt zwar selbstironisch daher, trifft aber im wörtlichen Sinn sicher den Kern der Baumotivation.
Dazu passt auch die Nutzung des Palais. Obwohl es sich in seiner Größe mit jedem Residenzschloss Europas messen konnte, ist es doch strukturell nur eine maison de plaisance, ein Sommerhaus. Friedrich nutzte das Neue Palais jedes Jahr nur etwa drei Sommerwochen lang zum Empfang seiner Verwandten aus den deutschen und europäischen Fürstenhäusern. Neben Theater, Festsälen und eigenen Fünf-Zimmer-Appartements für die sieben wichtigsten Mitglieder des preußischen Königshauses bot das Schloss in den jeweils zehnzimmrigen Fürstenquartieren Platz für den gleichzeitigen standesgemäßen Empfang von zwei auswärtigen Fürsten. Ein solches Schloss 50 Wochen im Jahr leer stehen zu lassen, um stattdessen zwei Kilometer weiter in einem Zwölf-Zimmer-Schlösschen zu residieren, ist wahrlich die hohe Schule des Understatement.
Alles in allem ist das Neue Palais als Demonstration der wirtschaftlichen und geistigen Potenz Preußens nach einem Krieg gegen ganz Europa zu verstehen. Der schiere Umfang des Projekts, der organisatorische Kraftakt, die Höhe der eingesetzten künstlerischen und wirtschaft-lichen Ressourcen stünden sonst in keinem Verhältnis zur Funktion und Nutzung. Daher ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass das Schloss immer öffentlich zugänglich war. Adlige auf der Grand Tour, das Bürgertum aus Berlin, Künstler und Wissenschaftler aus ganz Deutschland hatten gegen einen Obolus Zutritt zum Haus. Die Räume wurden nach einem festen Rundgang gezeigt, und bis auf die Bibliothek des Königs waren alle Räume zu besich-tigen. So konnten die Besucher als Multiplikatoren wirken, und tatsächlich publizierten sie ihre Eindrücke fleißig. Aus diesen zeitgenössischen Berichten kann man herauslesen, dass die Botschaft des Palais verstanden wurde. Die Kritik an seinen Übertreibungen schadete da kaum, wenn etwa der englische Reisende Charles Burney 1772 schreibt, dass „die Schnelligkeit, womit dieser Pallast errichtet und die Gestalt des Bodens verändert wurde, einem deutschen witzigen Kopfe Veranlassung gab zu sagen: ‚man muss gestehen, dass Se. Majestät Wunder thut, ob Sie gleich keine glauben‘.“ Zum Inneren bemerkte er: „In allen Appartementen, durch die ich geführt wurde, leuchtet eine studierte Eleganz und Delikatesse in den Möbeln hervor, dergleichen mir noch nirgend vorgekommen war.“




