Die ausgewählten diplomatischen Zeugnisse aus Nachbarstaaten Deutschlands wie Polen und der Schweiz, von den Bündnispartnern Japan und Italien, von überseeischen Handelspartnern wie Argentinien und den späteren Alliierten wie Frankreich, Großbritannien und die USA geben gerade in dem von Zensur geprägten Dritten Reich wertvolle Einsichten in dessen Politik und gesellschaftliches Leben. Außer der englischen sind alle Berichte der Quellensammlung ins Deutsche übersetzt.
Der Zugang zu den Quellen wird vereinfacht, indem Fachleute im ersten Teil des Buches einen Überblick über die diplomatische Berichterstattung der ausgewählten Länder in der Zeit von 1933 bis 1945, eine Quellenübersicht und eine erste Quellenkritik geben. So weist beispielsweise Gregor Spuhler in seinem Aufsatz über die Berichterstattung Schweizer Diplomaten darauf hin, dass die Berichte oft von starker Individualität geprägt sind. Die politische Einstellung der Diplomaten, der geographische Standort und weitere Faktoren fließen in die Berichterstattung ein. Jerzy Tomaszewski erwähnt in seinem Aufsatz über die Konsulatsberichterstattung aus Polen ein weiteres typisches Problem der Quellenlage, wenn er schreibt, dass ein großer Teil der polnischen Akten verbrannt wurde. Ein Teil 1939 von Polen, die die Übernahme der deutschen Besatzungsbehörde fürchteten, ein weiterer 1944 von den Deutschen, die das Aktenlager in Brand steckten.
Der zweite Teil des Buches enthält die ausgewählte Quellensammlung. Sie konzentriert sich auf Quellen, die Aussagen über die Charakterisierung des nationalsozialistischen Regimes durch die Diplomaten, das Verhalten und die Einstellung der deutschen Bevölkerung und die Judenverfolgung treffen. Dabei ergeben sich keine sensationellen Neuigkeiten über das Deutsche Reich an sich, aber aufschlussreiche Eindrücke Außenstehender von den Geschehnissen in der Gesellschaft. So berichtet der polnische Generalkonsul von der Reaktion auf antisemitische Aktionen im November 1938: „In der Leipziger Bevölkerung gibt es nicht nur keine ‚spontane‘ Begeisterung für die jüngsten antijüdischen Maßnahmen, sondern man beobachtet im Gegenteil eher große Bedrücktheit und eine gewisse Scham.“ Bereits im Dezember 1938 schrieb der französische Generalkonsul Chauvé, der von einem jüdischen Informanten auf dem Laufenden gehalten wurde, über systematische Misshandlung von Juden: „In den Gefängnissen ist es zu Szenen außergewöhnlicher Gewalt gekommen. Die Juden sind gezwungen worden, sich zu entkleiden, danach wurden sie von der S.A. ausgepeitscht. […] Diese Szenen, so hat man mir gesagt, haben sich bis in die Eisenbahnwaggons, die dieses neue Kontingent nach Dachau bringen, wiederholt.“ Interessant ist auch die Irritation über die nationalsozialistischen Herrschenden, die in den Worten des amerikanischen Diplomaten Messersmith im Sommer 1933 deutlich wird: „With a few exceptions, the men who are running this Government are of a mentality that you and I cannot understand. Some of them are psychopathic cases and would ordinarily be receiving treatment somewhere.”




