Spätestens seit den 1990er Jahren häufen sich wieder Berichte über Piratenüberfälle. Insbesondere an der ostafrikanischen Küste, im Südchinesischen Meer rund um Indonesien, in der Straße von Malakka zwischen Sumatra und Malaysia sowie im Golf von Bengalen vor Bangladesch treiben die modernen Freibeuter ihr Unwesen. Doch auch vor den Küsten Westafrikas und Indiens sowie in der Karibik gibt es wieder Fälle von Piraterie. In der Karibischen See erlebte die Piraterie zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert einst ihr „gol-denes Zeitalter“, das bis heute unser literarisch-mediales Bild von See-räubern prägt. Piratennester wie die Insel Tortuga, die Insel New Provi‧dence (Bahamas) oder Port Royal auf Jamaika dienten legendären Seeräubern wie Henry Morgan (1634/35–1688), Anne Bonny (um 1700) oder Kapitän Blackbeard (um 1680–1718) als Stützpunkte.
Der Begriff „Pirat“ geht auf das griechische Wort peiran (nehmen, wegnehmen) zurück, aus dem sich die lateinische Bezeichnung pirata (= Seeräuber) ableitete. Dass Letztere aber nicht nur auf der See, sondern auch auf dem See ihr Unwesen trieben, dürfte neu sein. Konkret war dies der Fall auf dem Traunsee im oberösterreichischen Salzkammergut. Die Gegend ist durch zahlreiche „Heimatfilme“ ebenso in das kollek‧tive Gedächtnis gerückt worden wie zuletzt durch Fernsehserien à la „Schlosshotel Orth“. Diese ZDF/ORF-Produktion wurde zwischen 1996 und 2004 rund um den Traunsee gedreht, insbesondere im „Klein-Venedig“ Gmunden. Als Schauplatz dafür musste natürlich auch der als Halbinsel in den Traunsee ragende, erst seit dem 19. Jahrhundert auf einer Straße erreichbare Johannesberg im Gmundner Nachbarort Traunkirchen mit seiner weithin sichtbaren Kapelle herhalten. Dass es mit diesem Gotteshaus eine besondere Bewandtnis hat, wissen freilich die wenigsten, wurde es doch an einer Stelle errichtet, von der aus im Mittelalter heidnische Seeräuber die Salztransporte aus Hallstatt und Ischl überfielen.
Tausende Touristen dürften jedes Jahr an jener Steintafel mit der eingangs zitierten Inschrift vorbeiflanieren und sich fragen, was es denn wohl mit den antichristlichen Binnenpiraten auf sich gehabt haben mag. Eine Frage, die dort nirgends beantwortet wird – es gibt keinerlei historische Erläuterung, Texttafel oder dergleichen dazu. Und wann genau die Freibeuter des Traunsees hier ihr Unwesen trieben, verschweigt auch die Tafel selbst. „Ex anteriori Historia“, „aus früheren Berichten“ habe man davon Kenntnis, heißt es auf Lateinisch darunter nur, und: „Erbaut in grauer Vorzeit“ im Eingangsbereich des kleinen Gotteshauses.
Diese nicht näher bezeichneten „früheren Berichte“ existieren freilich heute nicht mehr. Denn das Archiv des am Fuß des Johannesbergs gelegenen Klosters Traunkirchen, zu dem die Kapelle gehörte, wurde zusammen mit der gesamten Abtei bei verheerenden Bränden 1327 und 1632 zerstört. Eine vor wenigen Jahren im Diözesanarchiv Linz wiederaufgefundene Pergamenturkunde vom 10. November 1327, in der der Salzburger Erzbischof Friedrich von Leibnitz die Geistlichen seiner Erzdiözese auffordert, in ihren Kirchen und Kapellen Almosen für den Wiederaufbau des zerstörten Benediktinerinnenklosters zu sammeln, bezeugt den ersten Brand. So muss beim Versuch, das Geheimnis der Piraten vom Traunsee zwischen Wahrheit und Legende zu lüften, manches bloße Spekulation bleiben; anderes lässt sich logisch erschließen.




