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Frauen im Vorteil
Einem Mann auf dem Flur eines Seniorenheims zu begegnen, ist recht ungewöhnlich. Vom „Hahn im Korb“ berichtete meine Großmutter augenzwinkernd, wenn sich die Aufmerksamkeit der Mitbewohnerinnen auf ein solch rares Exemplar richtete.
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von SUSANNE DONNER
Einem Mann auf dem Flur eines Seniorenheims zu begegnen, ist recht ungewöhnlich. Vom „Hahn im Korb“ berichtete meine Großmutter augenzwinkernd, wenn sich die Aufmerksamkeit der Mitbewohnerinnen auf ein solch rares Exemplar richtete.
Weltweit sind zwei Drittel der 80- bis 90-Jährigen weiblich. Ab 90 Jahren sind es sogar drei Viertel. Dahinter steht ein globales Ungleichgewicht der Geschlechter: Frauen leben länger. Sie überleben ihre Partner durchschnittlich um drei bis sieben Jahre. Das angeblich starke Geschlecht wird hierzulande im Schnitt nur 78 Jahre alt, Frauen indes feiern oft noch ihren 83. Geburtstag.
Doch es beginnt schon bei der Geburt. Frühgeborene Jungen haben schlechtere Überlebenschancen. Mädchen und Frauen haben dagegen zeitlebens ein wachsameres Immunsystem, weshalb sie nicht nur am aktuell grassierenden Corona-Virus etwas seltener erkranken. Biologisch betrachtet sind Frauen eindeutig das robustere Geschlecht.
Segensreiches X-Chromosom
Im Erbgut unterscheiden sich Männer und Frauen in den Geschlechts-Chromosomen. Frauen tragen zwei X-Chromosomen, Männer verfügen über ein X- sowie ein Y-Chromosom. Auf dem Y-Chromosom liegen vor allem Gene – es sind etwa 70 –, die für die Erzeugung der Spermien nötig sind. Dagegen ist das X-Chromosom eine Erbgut-Allzweckkiste. Es enthält knapp 1000 Gene, die für das Immunsystem, die intellektuellen Fähigkeiten und auch für Geschlechtsmerkmale verantwortlich sind. Doch vieles ist noch unbekannt: „Was die Gene auf dem X- und dem Y-Chromosom genau bewerkstelligen, ist immer noch eine unbeantwortete Frage“, sagt die Genetikerin Melissa Wilson von der Arizona State University in Tempe, die sich auf die Erforschung von Geschlechtsunterschieden genetischen Ursprungs spezialisiert hat.
Klar ist aber: Die beiden X-Chromosomen in den Körperzellen einer Frau sind keineswegs identische Kopien voneinander, sondern jeweils eine erbliche Mitgift von Mutter und Vater für identische Funktionen. Teilen sich die Zellen des weiblichen Körpers, wird meist das tauglichere X-Chromosom herangezogen. Das ist auch der Grund, weshalb genetische Erkrankungen, die auf dem X-Chromosom liegen, seltener über die mütterliche Linie weitergegeben werden als über die väterliche. Bei einem Mann gibt es bei der Zellteilung nur die Möglichkeit, auf das einzige ihm mitgegebene X-Chromosom zurückzugreifen.
Mehr Mutationen im Männer-Erbgut
Damit nicht genug der genetischen Unterschiede: „Männer reichen über ihr Erbgut auch mehr Mutationen an die Nachkommen weiter als Frauen“, betont Wilson. Laut einer noch unveröffentlichten Studie von ihr sind es um den Faktor 20 mehr als bei Frauen. Bei keinem anderen Säugetier fand sie einen solch großen Unterschied, wenngleich auch im Tierreich die Mutationsrate über die männliche Linie höher ist als über die weibliche. Eine Frau, die ein fehlerhaft weitergegebenes X-Chromosom vom Vater hat, kann froh sein, ein zweites von der Mutter zu haben – sprich: eine Frau zu sein.
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Den Grund für die höhere Mutationsrate im väterlichen Erbgutanteil vermutet Wilson darin, dass Spermien ab der Pubertät und dann zeitlebens im Hoden rasch erzeugt werden müssen. „Das ist wie eine Kopiermaschine, die dauernd auf Hochtouren läuft. Da entstehen mehr Fehler, als wenn nur einmal langsam und sorgsam Kopien angefertigt werden, wie es im weiblichen Körper der Fall ist“, erklärt sie. Forscher der University of Southern California notierten ebenfalls: „Der Hoden vervielfältigt Mutationen, die an Nachkommen weitergegeben werden.“
Die Eizellen einer Frau werden dagegen schon während der Zeit im Mutterleib angelegt, es sind zunächst bis zu sieben Millionen. Dann findet offenbar noch eine „Qualitätskontrolle“ statt, denn die Zahl schrumpft bis zur Geburt auf ein bis zwei Millionen.
Allerdings liegen die Eizellen anschließend über Jahrzehnte in den Eierstöcken und sind dort Umweltgiften und anderen Schadstoffen ausgesetzt. Reproduktionsmediziner sehen darin einen wichtigen Grund, weshalb Frauen meist schon lange vor Eintritt in die Wechseljahre keine Kinder mehr bekommen können. Ihre Eizellen haben zu viele Defekte angehäuft. Es ist also noch nicht geklärt, weshalb Mutationen eher über die männliche als über die weibliche Linie weitergegeben werden.
Das Erbgut aller Körperzellen im Mann scheint jedenfalls lebenslang anfälliger für Mutationen zu sein. Darauf deuten frappierende Unterschiede in einer Genanalyse von knapp 2000 Tumorproben hin, die Wilson vornahm. Darunter war Gewebe aus Lungen- und Hirntumoren, Darm-, Lymph- ebenso wie Hals- und Kopfkrebs. Nur geschlechtsspezifische Krebsarten wie Prostatakrebs und Brustkrebs hatte sie ausgeklammert. Besonders in Genen, die das Krebswachstum begünstigen, fand Wilson deutlich mehr Mutationen bei Männern als bei Frauen. Dabei hatte Wilson gerade nicht auf dem X- und Y-Chromosom gesucht, sondern auf den 22 übrigen Chromosomenpaaren, die ebenfalls genetische Geschlechtsunterschiede beherbergen.
Unklar ist allerdings, ob diese Mutationen im Laufe des Lebens erworben oder schon in die Wiege gelegt werden. Denkbar ist beides, da Männer meist einen ungesünderen Lebensstil pflegen als Frauen. Oft rauchen, essen und trinken sie mehr, was ihren Zellen und letztlich ihrem Erbgut zusetzt.
Die häufigeren Fehler im Genom von Krebszellen der Männer könnten auch erklären, weshalb die Geschwulste bei ihnen oft schlechter zu behandeln sind und sie eher an einer Krebserkrankung sterben als Frauen. Und: Sie erkranken an vielen Krebsleiden häufiger als Frauen, mit Ausnahme des Schilddrüsentumors und geschlechtssensitiver Tumore wie Brustkrebs. In der Krebsstatistik wird die höhere Anfälligkeit der Männer ab dem 55. Lebensjahr sichtbar. Von da an liegt ihr Krebsrisiko deutlich höher als das der Frauen. Beim Hautkrebs sind es beispielsweise rund doppelt so viele Männer wie Frauen. Forscher des Ohio State University Wexner Medical Center wiesen bei diesem Tumorleiden nach, dass das Ungleichgewicht vor allem genetische Ursachen hat. Fest steht: Es liegt nicht nennenswert am schlechteren Sonnenschutz oder an mehr Sonnenbädern der Männer.
Ein anderes Immunsystem
Frauen haben nachweislich eine effektivere und flexiblere Körperabwehr als Männer. Ihren B-Zellen etwa gelingt es besser, die passenden Antikörper gegen Krankheitserreger herzustellen. Die vitalere Abwehr sorgt nicht nur für weniger Krebserkrankungen, sondern auch für eine größere Wehrhaftigkeit der Frauen gegenüber vielen Krankheitserregern, wenn auch nicht allen. So bekommen Männer Magengeschwüre, hervorgerufen durch das Bakterium Helicobacter pylori, vier Mal häufiger als Frauen. Auch der Krankenhauskeim Staphylococcus aureus und die Erreger von Syphilis und Tuberkulose sind für sie eine größere Gefahr als für Frauen – sowie anscheinend auch das Corona-Virus.
Sogar HIV-Infektionen verlaufen bei den beiden Geschlechtern unterschiedlich. Frauen können das Virus zunächst besser in Schach halten. Dass sie zu Beginn eine höhere Zahl an CD4+-Lymphozyten im Blut haben, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr sich ihr Immunsystem dem Virus in den Weg stellt.
Wilson und ihre Kollegin, die Immunologin Angela Garcia, vermuten, dass Frauen nicht nur aufgrund ihrer Erbanlagen eine anpassungsfähigere Körperabwehr haben, sondern auch durch Schwangerschaften. Denn in dieser Zeit passieren einige Zellen des Kindes die Plazentaschranke und gehen in den Körper der Mutter über. Sie siedeln sich dort teils für Jahrzehnte in Organen an, etwa im Herz, im Knochenmark, in der Haut oder in der Bauchspeicheldrüse. Die Plazenta, zum Zeitpunkt der Geburt mehr als ein halbes Kilogramm schwer, trägt ebenfalls die genetische Signatur des Kindes.
Doppelter Schutz für Mutter und Kind
Die Körperabwehr der Mutter muss folglich ab der Einnistung der befruchteten Eizelle so ausgerichtet sein, dass sie die kindlichen Zellen im Blut, in der Plazenta und im Fötus keinesfalls angreift. Das ist eine immunologische Meisterleistung, wenn man bedenkt, wie leicht transplantierte Organe abgestoßen werden. Zugleich dürfen Krankheitserreger der Schwangeren und ihrem Kind nicht gefährlich werden. All dies begünstigt ein flexibles, sensibles und anpassungsfähiges Immunsystem, wie Garcia und Wilson feststellen.
Das männliche Reproduktionssystem fordert dagegen sogar einen Gesundheitszoll. Eunuchen, denen man die Hoden entfernte, lebten am koreanischen Königshof im Schnitt 14 bis 19 Jahre länger als die anderen Männer, wie aus historischen Dokumenten hervorgeht. „Die Keimzellen beschleunigen das Altern wahrscheinlich“, sagt Björn Schumacher, Altersgenetiker an der Universität Köln. Er hat das auch an seinem Lieblingsstudienobjekt beobachtet, dem kaum einen Millimeter langen Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Entfernt man die wenigen darin vorhandenen Keimzellen, steigt die Lebensdauer des Wurms um ganze 60 Prozent.
Langlebige Eunuchen
Das lange Leben der Eunuchen mag gleichwohl auch an ihrem Lebenswandel gelegen haben. Denn auch christliche Mönche sterben zwei bis drei Jahre später als die übrigen Männer, wie eine international bekannte Klosterstudie aus den 1990er-Jahren mit rund 11.600 teilnehmenden Mönchen und Nonnen in Bayern ans Licht brachte. Eine Lebensführung mit wenig Stress und gesundem, maßvollem Essen kann also ebenfalls Lebenszeit schenken. Doch auch in der Klosterstudie überlebten die Nonnen die Mönche um zwei bis drei Jahre.
Der Lebenswandel ist einerseits sozial geprägt, steht andererseits aber auch in Beziehung zu den Genen und insbesondere zu den Sexualhormonen. „Die Hormone wirken direkt auf die Nervenzellen im Gehirn und modulieren so das Verhalten. Sie tragen also – neben erworbenen Rollenmustern – dazu bei, dass Männer eher Bungee springen oder Schützenvereine besuchen“, erklärt die Neuroimmunologin Inga Neumann von der Universität Regensburg. Dabei ist es müßlig, darüber zu streiten, was den größeren Einfluss hat, die Biologie oder die Sozialisation. Denn beide Effekte lassen sich in der Realität nicht voneinander trennen.
Unfälle mit Beginn der Pubertät
Geschlechterbezogene Verhaltensunterschiede reichen so weit, dass Bevölkerungsforscher ein kurioses Phänomen als Kriterium dafür nehmen, wann Jungen in die Pubertät kommen. Nicht etwa der Stimmbruch oder die Schamhaare sind eindeutig genug, sondern es ist die Zunahme von Unfällen und damit der Sterblichkeit unter Jugendlichen. Die Forscher nennen diesen sprunghaften Anstieg der Toten „Accident Hump“. Er tritt in allen Kulturen auf und markiert am ehesten den Beginn der Pubertät bei Männern, haben Forscher vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung festgestellt.
Die Geschlechtshormone – beim Mann vor allem das in den Hoden produzierte Testosteron – fördern bekanntlich risikoreicheres Verhalten und auch Aggressionen. Das zieht banale Unterschiede in der Verhaltensweise nach sich: Männer morden und schlagen häufiger als Frauen. Und in riskanten Berufen trifft man nur auf wenige Frauen. Auf einem Minenräumschiff etwa war ich selbst vor Jahren die einzige Frau – als Journalistin.
Die Folge solcher Präferenzen ist, dass Männer schlimmere, auch tödliche Unfälle erleiden. In Amputationskliniken begegnen dem Besucher fast ausnahmslos Männer. Sie haben meist ein Bein bei einem Motorradunfall verloren. Dennoch ist Testosteron deshalb kein „schlechtes Hormon“, und seine Wirkungen sind sehr nuanciert. So schützt es Männer im Alter vor Knochenbrüchen und erhöht ihre kognitive Leistungsfähigkeit.
Doch die Sexualhormone scheinen die männliche Lebensspanne tendenziell zu verkürzen, wohingegen sie die weibliche Lebenszeit verlängern. So haben nierenkranke Frauen bessere Aussichten auf ein längeres Leben als Männer, was auch mit den unterschiedlichen Geschlechtshormonen erklärt wird.
Allerdings bringen weibliche Sexualhormone nicht nur Gesundheitsvorteile. Denn Frauen empfinden länger und stärker chronische Schmerzen und führen bei Schmerzerkrankungen wie der Migräne die Statistik an. „Das liegt auch an den weiblichen Östrogenen und am Progesteron. Sie können das Empfinden und die Stimmung stark beeinflussen“, erklärt Neumann. Diese Hormone sind auch für das prämenstruelle Syndrom (PMS) verantwortlich, unter dem viele Frauen unmittelbar vor der Menstruation leiden. Dabei haben sie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen, Spannen in der Brust und sind depressiv verstimmt.
Frauen erkranken auch häufiger psychisch, etwa an Depressionen und Angststörungen. Das kann allerdings auch daran liegen, dass diese Krankheiten bei Männern seltener erkannt und stärker stigmatisiert werden. „Frauen holen sich eher Hilfe bei einem Arzt und Psychotherapeuten“, sagt Neumann. „Männer neigen dagegen dazu, in die Isolation zu gehen.“ Die Folgen des unterschiedlichen Umgangs sind fatal: Männer begehen häufiger Suizid. Ab 70 Jahren liegt die Zahl ihrer Freitode um ein Mehrfaches über denen der Frauen.
Herzkrankheiten, besonders der Herzinfarkt, gelten dagegen als klassische Krankheiten von Männern. Sie sind doppelt so häufig von einem Infarkt betroffen wie Frauen. Aber Frauen sterben kurioser Weise häufiger daran. „Nach der Menopause nehmen die Herzkrankheiten bei Frauen stark zu – was wiederum ein Beleg ist für den gesundheitsschützenden Effekt der Östrogene, der weiblichen Geschlechtshormone. Ab 75 Jahren liegt das Risiko von Frauen für Herzkrankheiten sogar höher als das von Männern“, klärt Wilson auf. Oft übersehen Ärzte aber die vermeintlich männertypischen Leiden bei Frauen. Treten diese dann noch erst in höherem Alter auf, steigt die Gefahr, daran zu sterben.
Therapien oft nur an Männern geprüft
Dass Frauen häufiger an Herzinfarkten sterben, obwohl sie diese seltener erleiden, ist ein Paradoxon, das auf eine Schieflage aufmerksam macht: Obwohl Frauen biologisch gesehen die robustere Gesundheit haben, sind sie in der medizinischen Versorgung benachteiligt. „Die meisten Therapien werden bis heute an Männern geprüft, nie spezifisch an Frauen. Sie sind deshalb bei Frauen nicht so wirksam wie bei Männern“, erklärt Sabine Oertelt-Prigione, Gendermedizinerin an der Universität Nijmegen. Denn die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind teils erheblich: So ist bekannt, dass der Blutdruck von Frauen und Männern über signifikant andere Gene geregelt wird. Und Psychologen wissen seit Langem, dass sich Depressionen bei Frauen und Männern verschieden äußern.
Der Diabetestest sei bei Männern aussagekräftiger als bei Frauen, nennt Oertelt-Prigione ein anderes Beispiel. Eindrucksvoll: Von dem Schlafmittel Zolpidem bekommen Patientinnen in Kanada und den USA seit einigen Jahren nur noch die halbe Dosis im Vergleich zu dem, was die Männer bekommen, weil es sonst zu stark für sie wäre. Das ist der erste Fall, bei dem ein Medikament je nach Geschlecht unterschiedlich verabreicht wird. „Wir fordern seit Langem eine geschlechtersensible Medizin. Klinische Studien sollten ihre Ergebnisse nach Frauen und Männern getrennt aufführen“, sagt Oertelt-Prigione.
Zur Vernachlässigung des Geschlechts im Gesundheitswesen kommt hinzu, dass Frauen gemeinhin einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Sozioökonomisch sind sie schlechter gestellt als Männer. Armut und ein hohes Maß an Verwundbarkeit im Leben – von Arbeitslosigkeit bis zu beengtem Wohnraum – verkürzen aber die Lebensspanne und begünstigen Krankheiten, wie durch die soziologische Forschung gut belegt ist. Oertelt-Prigione zieht eine kritische Bilanz: „Häufig leben Frauen zwar länger, aber nicht bei voller Gesundheit.“
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