Die Bilder öffentlich geschorener Französinnen gingen nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten im Sommer 1944 um die Welt: Die Frauen wurden der Kollaboration bezichtigt. Ihre Kinder galten als enfants de boches (boche war seit dem Ersten Weltkrieg als Schimpfwort für „den Deutschen“ gebräuchlich), die meisten von ihnen verlebten eine schwierige Kindheit und Jugend. Erst seit einigen Jahren dringt dieses heikle Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen stärker an die Öffentlichkeit.
Die 19-jährige Französin Simone Delorme und der Deutsche Hans Hoffmann lernten sich 1941 in Paris kennen. „Meine Mutter arbeitete dort bei einer bürgerlichen Familie als Köchin. Mein Vater war Musiker im Großen Sinfonieorchester der Standortkommandantur von Groß-Paris. Sie begegneten sich auf der Straße, und es funkte.“ Obwohl Hans kein Französisch und Simone kein Deutsch sprach, entwickelte sich aus dem Flirt eine Beziehung, die drei Jahre währte. Glücklicherweise sprach Simones Freundin Christiane, eine Elsässerin, die selbst mit einem Deutschen zusammen war, Deutsch und konnte für das Paar dolmetschen. Bei ihr konnten sich die beiden auch treffen, denn Hans wohnte mit dem Orchester in einem Hotel, in das keine Französinnen mitgebracht werden durften.
Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und französischen Frauen waren im besetzten Frankreich offiziell nicht erwünscht. So heißt es in einer „Zusammenstellung der wichtigsten Verfügungen der Mil.Verw. Frankreich“ der Kreiskommandantur Lisieux (Normandie) vom Februar 1941: „Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung, insbesondere mit Französinnen, das Übernachten bei solchen, das Mitnehmen in Kinos, Unterkunft, Gastlokalitäten oder auf Autofahrten ist strengstens verboten.“ Die Praxis wurde allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt.
Simone und Hans war es vergönnt, bis 1944 öffentlich als Paar zu leben. Zwar wurde das Orchester im Januar 1944 aufgelöst und seine Musiker in die Wehrmacht eingegliedert – Hans kam in ein Trainingslager in Fontainebleau, knapp 70 Kilometer südöstlich von Paris –, doch gelangen ihnen noch gelegentliche Treffen. Schwerer wurde es für sie nach der Landung der Alliierten am 6. Juni in der Normandie; am 13. Juli sahen sie sich zum letzten Mal. Hans wurde nach Chalon-sur-Saône versetzt.
Einen Monat später zogen sich die deutschen Truppen aus der Normandie und der Bretagne zurück, der Vormarsch der Alliierten war nicht mehr aufzuhalten. Am 25. August kapitulierte der deutsche Oberbefehlshaber von Groß-Paris, Dietrich von Choltitz. Anfang September schickte Hans der hochschwangeren Simone aus Chalon-sur-Saône ein Telegramm und übermittelte Geld. Es war die letzte Nachricht, die Simone erreichte. Sie selbst hatte sich nach seinem Weggang aus Paris zu ihrer Mutter in das Departement Calvados in der Normandie geflüchtet.





