Gemeint ist damit vor allem zweierlei: zum einen überhaupt Fragen aufzuspüren, die zuvor keiner gestellt hat, und zum anderen, die Fragen so zu formulieren, dass man deren Beantwortung auch systematisch mit konkreter experimenteller Forschung angehen kann. Zusammengenommen ist das keineswegs so trivial, wie es vielleicht klingt.
Was die Wissenschaft demnach allerdings weniger interessieren dürfte, sind Fragen, die auf der Hand liegen und deren Antworten klar zu sein scheinen. In solchen Fällen trotzdem das Methodenarsenal aktivieren und genauer nachschauen? Nein, das finden Forscher, die was auf sich halten, meist nicht spannend genug. Zumal sie darin nur wenig Potenzial für Ruhm und Ehre wittern.
Punktuelle Nachbesserung
Noch extremer ist die Situation, wenn die gesamte Wissenschaftlerzunft meint, gar keine Fragen mehr stellen zu müssen, weil die Folgerungen aus gewissen Ergebnissen abschließend und zweifellos klar sind. Doch gerade damit liegen sie vielleicht öfter falsch, als sie denken.
Ein prominentes Beispiel ist die Entdeckung des RNA-Editings in den 1980er-Jahren. Damals galt als Dogma, dass die DNA-Sequenz eines Gens absolut zuverlässig – also streng nach der Sprache des genetischen Codes – in die entsprechende Aminosäuresequenz des codierten Proteins übersetzt werden muss. Es sei daher eine zwingende Voraussetzung, dass die Boten-RNA (mRNA) ohne einen einzigen Fehler entlang der Sequenz des Gens transkribiert wird, um dann in der Zelle als zu 100 Prozent korrekte Blaupause für die Produktion des codierten Proteins zu sorgen. Dass in der Nukleotid-Kette der Boten-RNA auch nur ein einziger Baustein nachträglich gegen einen anderen ausgetauscht werden könnte, schien undenkbar. Wo käme man schließlich hin, wenn Sequenzen, die über jahrtausendelange Selektion optimiert wurden, nach der Transkription nochmals punktuell verändert würden? Würde selbst die kleinste Abweichung das betroffene Protein nicht ins funktionelle Chaos stürzen?
Daher wurde es lange als unbedeutender handwerklicher Fehler beim Experimentieren abgetan, wenn eine Studie – meist nebenbei – einen nachträglichen Basentausch in der mRNA zeigte. Mit der Zeit häuften sich solche „Tausch“-Ergebnisse jedoch immer mehr, sodass eine Handvoll Forschende diese Beobachtungen schließlich gezielt nachprüfte. Der Lohn dieser systematischen Prüfung war die Entdeckung eines molekularbiologischen Phänomens, das sich in der Folgezeit tatsächlich als durchaus verbreitetes Instrument der zellulären Feinsteuerung von Genaktivität herausstellen sollte: eben das gezielte nachträgliche Austauschen einzelner Nukleotide in der Boten-RNA – seitdem RNA-Editing genannt.





