Bis heute fasziniert die verblüffende Viel-seitigkeit Albrecht von Hallers: Seine Werke zur Physiologie, zur Gefäßlehre und zur Lehre der „Reizbarkeit“ prägten die Medizin des 18. Jahrhunderts wesentlich. Sein Gedicht „Die Alpen“ lockte unzählige Menschen in die Schweizer Berge. Und neben Carl von Linné war Haller wohl der bedeutendste Botaniker des 18. Jahrhunderts.
Albrecht von Haller – am 16. Oktober 1708 in Bern geboren – fiel schon als Kind durch seinen Fleiß und großen Wissensdurst auf. Als fünfjähriger Knabe predigte er vom Ofen aus den Bediensteten der Familie, was er in der Bibel gelesen hatte. Mit zehn Jahren erstellte er eine chaldäische Grammatik. Aus derselben Zeit stammen erste Gedichte. In seinen späteren Aufzeichnungen für seinen Biographen Johann Georg Zimmermann hielt Haller fest, dass er es nicht ertragen könne, wenn jemand besser sei als er.
Nach dem Abschluss der Hohen Schule verbrachte Haller ein Jahr bei einem verwandten Arzt in Biel, bevor er 1724 in Tübingen sein Medizinstudium aufnahm. Im Vergleich zu Bern und Biel erschien ihm Tübingen als die „große Welt“. Sein Tagebuch und seine akribisch geführten Ausgabenlisten zeigen den fleißigen Studenten aber auch als einen jungen Mann, der wie andere Kommilitonen an Lustreisen und geselligen Anlässen teilnahm. Auch seine Beteiligung an einem folgenschweren Akt studentischen Leichtsinns ist überliefert: Haller war dabei, als einige Mitstudenten einen städtischen Wachsoldaten so betrunken machten, dass dieser daraufhin starb.
In Tübingen sammelte Haller seine ersten Erfahrungen mit der Forschung. Hier lernte er die medizinischen Werke Hermann Boerhaaves kennen, was ihn dazu bewog, seine Studien im damaligen Mekka der Medizin, in Leiden, fortzusetzen. „Der Lehrer ganz Europas“, wie Haller den begnadeten Redner Boerhaave bezeichnete, war wissenschaftlich wie menschlich sein Vorbild. In Leiden lernte Haller, seine Forschungen auf Erfahrung und Experiment zu gründen, eine Methode, die in der Medizin zuvor niemand konsequent umgesetzt hatte. Die Bewunderung für seinen Lehrer hielt Haller jedoch nicht davon ab, Boerhaaves Vorlesungen 20 Jahre später mit kritischen Anmerkungen und Korrekturen zu versehen und zu edieren.
Seiner Promotion 1727 in Leiden ließ Haller eine Reise nach London und Paris folgen. Während er sich in London in erster Linie touristische Stätten wie den Tower ansah, widmete er sich in Paris der Chirurgie und der Anatomie. Gemeinsam mit Studienkollegen aus Leiden wohnte er bei dem Chirurgen Henri-François Le Dran verschiedenen Operationen bei. Haller sezierte für seine Forschungen zwar Leichen, führte aber nie Operationen an lebenden Menschen durch. Dies wohl nicht zuletzt deshalb, weil er Zeuge davon wurde, dass viele von Le Drans Patienten die Operation nicht überlebten.





