Desto höher ist die Leistung eines fabelhaften Bild- und Textbandes zu schätzen, der die Geschichten der Entdecker, Abenteurer und Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem Bildatlas der Welterkundung zusammenfaßt und dem das ohne jeden Faszinationsverlust gelingt.
Auf den Karten der Entdeckungsgeschichte werden bekannte und unbekanntere Namen eingezeichnet: die Tibet-Reisende Alexandra David-Néel und die wissensdurstige China-Reisende und Missionarin Isabella Bird Bishop, Gertrude Bell, die wie eine „Karla May“ den gesamten arabischen Orient erkundete, und Katherine Routledge, die den Geheimnissen von Rapa Nui (der Osterinsel) nachforschte, Sven Hedin, der Polarforscher Robert Falcon Scott, natürlich Henry Morton Stanley und David Livingstone, aber auch Francis Burton und John Hanning Speke an den Quellen des Nils und Ernest Doudard des Lagrée mit Francis Garnier in den Ruinen von Angkor.
Über die Auswahl kann man sich wie immer streiten. Einzuräumen ist aber, daß sie originell ist und ins Unbegangene führt. Geschichte, Charakter, die Kämpfe der Forscher werden kurz, manchmal allzu kurz skizziert. Die Grenze zwischen Entdeckung und Kolonialismus ist fließend.
Die eigentliche Faszination des Buches aber geht von den historischen Fotos aus. In schönster Vergilbung vermitteln sie etwas von dem Mysterium, das einmal über Innerafrika und Zentralasien, der ganzen Terra incognita des Globus lag. Diese historischen Fotos bewirken einen Verfremdungseffekt, der wenigstens in der Form eines Buchs die Banalität des Erschlossenen und Bekannten, die Penetranz einer restlos globalisierten Welt rückgängig macht.
Die eigentümliche, patentierte Machart der Publikation tut ein übriges: Die Seiten sind horizontal und vertikal aufklappbar. Unter jeder aufgeschlagenen Seite findet sich eine weitere. Das macht das Buch auch zu einer bibliophilen Kostbarkeit. Vor allem aber vermittelt es das, was es darstellt: Es gibt der Welt der Entdecker wieder etwas von jenem Geheimnis zurück, dem ihre unsäglichen Mühen, ihre Entschlossenheit und Risikobereitschaft galten – und die es ebendamit so zerstörten, daß es heute nur noch in Buchform existiert.
Rezension: Lütkehaus, Ludger




