Von RALF STORK
Bei den Vögeln ist die Sache einfach. Das immer gleiche Prinzip 11.000-fach variiert: Es gibt immer zwei Flügel, mit Federn bedeckt, von zwei großen Brustmuskeln angetrieben, die den Vogel durch die Luft oder ausnahmsweise auch durchs Wasser befördern. Bei den Insekten ist das anders: Die Flügel sitzen zwar immer an der gleichen Stelle, aber mal stehen sie starr vom Körper ab, mal lassen sie sich zusammenfalten und sicher verstauen. Meistens sind es vier, manchmal auch nur zwei. In den 30 Ordnungen mit mehr als einer Million bekannten Arten haben sich seit dem ersten Flug vor mehr als 320 Millionen Jahren genau die Flügelformen entwickelt, die am besten zu der jeweiligen Lebensform passen.
Libelle – Präzisionsflügel für die Jagd
Großlibellen, mit ihren riesigen Facettenaugen und den beiden wie bei einem Flugzeug zur Seite abgespreizten Flügelpaaren, machen schon sehr, sehr lange Jagd auf andere Insekten. Sie gehören mit zu den ersten Tieren, die überhaupt das Fliegen lernten. Vor rund 300 Millionen Jahren erreichten ihre Vorfahren sogar Flügelspannweiten von 70 Zentimetern. Heute gehören Libellen zu den größten Insekten in Deutschland. Die Große Königslibelle (Anax imperator) zum Beispiel bringt es auf eine Körperlänge von 8 und eine Spannweite von bis zu 10,5 Zentimetern. An ihrem Flugapparat hat sich in den vergangenen 300 Millionen Jahren nicht viel geändert: Großlibellen haben zwei Flügelpaare, die sie unabhängig voneinander bewegen können. Die Muskeln setzen direkt an der Flügelbasis an, jeder Flügel kann kontrolliert einzeln bewegt werden. Dadurch kann die Libelle sehr präzise fliegen und auch schnell die Richtung wechseln. Großlibellen machen Jagd auf andere Fluginsekten, deren Flugbahn sie berechnen und die sie dann abfangen. Unter anderem helfen ihnen dabei ihre riesigen Facettenaugen, mit denen sie die Bewegungen potenzieller Beutetiere auf eine Entfernung von mehreren Metern wahrnehmen können. Für Insekten ist das sehr viel. Mit ihren unabhängig voneinander steuerbaren Flügeln können Großlibellen ihren Flug extrem stark beschleunigen und dabei Geschwindigkeiten von 50 bis 60 Stundenkilometern erreichen, deutlich mehr als all ihre Beutetiere. Noch bemerkenswerter ist aber die besondere Wendigkeit von Libellen im Flug. Sie können in der Luft stehen, ansatzlos nach links oder rechts und fast als einzige Insekten sogar rückwärts fliegen. Voraussetzung dafür sind wieder die unabhängig voneinander bewegbaren Flügelpaare: Für die Rückwärtsbewegung schlagen die Hinterflügel leicht nach vorne-unten und die Vorderflügel nach hinten-unten. So entsteht ein rückwärtsgewandter Schub, der durch das leichte Abkippen des Körpers nach hinten stabilisiert wird. Ihre außerordentliche Beweglichkeit hilft ihnen bei der Jagd und beim Ausweichen vor Fressfeinden. Die langen, mit kleinen Widerhaken versehenen Beine sind zum Sichern der Jagdbeute da: Wie ein Fangkorb schließen sie sich um die Beute, die teilweise direkt im Flug verspeist wird.





