Von CHRISTIAN JUNG
Es herrscht Chaos dort unten. Vieles ist in Unordnung geraten, etliches Leben bedroht, zahllose symbiotische Beziehungen und Bindungen untereinander funktionieren nicht mehr, und in Jahrmillionen aufs Feinste abgestimmte Prozesse fallen auseinander. So etwa lassen sich die Erkenntnisse zusammenfassen, die im Juli 2022 bei der Welt-Korallenriffkonferenz in Bremen vorgetragen wurden. Immer lauter werden die Stimmen der Forscher, die sich um das Leben in den Meeren dieser Welt sorgen. Der Temperaturanstieg in den Ozeanen sei fatal, weil er sich auf alle Lebewesen dort auswirke, sagt etwa Meeresökologe Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.
Insgesamt enthalten die Weltmeere fast 1,4 Milliarden Kubikkilometer Wasser. Es dauert seine Zeit, bis sich diese gewaltige Menge erhitzt hat – sollte man meinen. Doch nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace hat sich das Oberflächenwasser der Ozeane seit 1955 im weltweiten Mittel bereits um insgesamt 0,6 Grad Celsius erwärmt. In vergleichsweise kurzer Zeit haben sich zahlreiche wärmeabhängige Effekte bereits verstetigt. An einigen küstennahen Stellen entwickeln sich „Hitze-Hotspots“, berichtet Dieter Piepenburg, Biologe am AWI in Bremerhaven, beispielsweise im westlichen Mittelmeer. Besonders kritisch sei es im Flachwasserbereich, wo die Temperatur in kurzer Zeit um mehrere Grad steigen könne. „Die Folge ist ein Massensterben vor allem etlicher dort im Boden lebender Organismen: Muscheln, Würmer, Schnecken und andere wirbellose Tiere kollabieren, da sie die hohen Temperaturen nicht verkraften“, sagt der Meeresforscher.
Der Wärme entfliehen
Wenn sich das Wasser langsam erwärmt, weichen nach und nach immer mehr Lebewesen aus. Fische, Plankton und sogar Korallen wandern in Richtung Nord- oder Südpol, zu Orten, an denen kühlere Bedingungen herrschen. Letztlich können in den Ozeanen praktisch alle beweglichen Lebewesen zumindest über eine gewisse Entfernung ihren Aufenthaltsort leicht verändern, da sich ihnen keine geografischen Barrieren entgegenstellen, wie es an Land der Fall ist. Trotzdem sind Landlebewesen im Vorteil, denn ihnen bieten sich bei Hitze mehr Rückzugsmöglichkeiten, wie schattenspendende Bäume oder ein Bau. Deshalb verschwänden im Meer lebende Arten etwa doppelt so schnell wie Landbewohner, wenn sich ihre Umgebung zu sehr erwärme, lautet das Ergebnis einer Studie von Forschenden der Rutgers University in New Jersey, USA. Sie untersuchten dafür 400 kaltblütige Arten zu Land und zu Wasser, darunter Fische, Weichtiere, Eidechsen und Libellen.
Es zeigte sich darüber hinaus: Viele Fischarten wandern nicht nur wegen steigender Temperaturen in kältere Gefilde ab, sondern auch, weil ihnen Sauerstoff fehlt. Je wärmer das Wasser wird, desto weniger Sauerstoff ist darin gelöst, und das wird für die meisten Meeresbewohner schnell zum Problem. Berechnungen haben ergeben, dass der Sauerstoffgehalt in den Weltmeeren seit 1960 im Durchschnitt um gut zwei Prozent abgenommen hat. Und noch eine weitere Wirkung der Klimaerwärmung findet wenig Beachtung, obwohl sie fast alle Lebewesen betrifft: Steigt die Temperatur, dann beschleunigt sich automatisch der Stoffwechsel. Das kostet die Tiere Energie, die sie eigentlich für anderes benötigen, etwa um ihre Körperfunktionen aufrechtzuerhalten, für die Paarung und Aufzucht der Jungen –oder um widerstandsfähig gegen Umweltbelastungen zu bleiben. Vielleicht liegen in diesen Faktoren lange übersehene Gründe für Bestandsrückgänge.





