Umso überraschender ist der Forschungsansatz des renommierten Kunsthistorikers Hans Belting, der in seiner Studie „Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks“ davon ausgeht, dass der Kunst der Perspektive eine Theorie arabischen Ursprungs zugrunde liegt, und zwar die Wahrnehmungslehre des Mathematikers Alhazen aus dem 11. Jahrhundert, dem es allerdings um die Vermessung des Lichts ging. Doch nur in der westlichen Kunst wurde diese Theorie für die Entwicklung der Perspektive genutzt. Mit dieser These beschreitet Belting wirklich neue Wege.
Ein „Blickwechsel“ findet sich in jedem Kapitel. Belting bringt hier Beispiele dafür, wie sehr sich das Verhältnis des Westens zum Bild von dem des Islams unterschied. Während etwa die westlichen Künstler die arabische Arabeske als Anregung übernahmen, geriet ein vergleichbarer, umgekehrter Rezeptionsvorgang zum unerhörten Bruch mit der islamischen Tradition: als nämlich Sultan Mohammed II. nach der Eroberung Konstantinopels den osmanischen Hof für die westliche Kunst, vor allem für das Porträt, öffnete. Mancher mag hier an das meisterhafte Buch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk denken. Hier eignen sich die höfischen Miniaturmaler heimlich die Kunst der Perspektive an, was von den Glaubenswächtern als „Verrat“ gewertet wird und die Bestrafung der Künstler nach sich zieht.
Rezension: Talkenberger, Heike




