von THOMAS BRANDSTETTER
Blut ist komplex: Die Zusammensetzung der unzähligen verschiedenen Biomoleküle, die sich dort tummeln, birgt allerlei interessante Hinweise auf den aktuellen Gesundheitszustand eines Organismus. Sie einzeln zu messen, um ihnen diese Informationen zu entlocken, ist allerdings oft mit hohem Aufwand verbunden. In der medizinischen Forschung wird daher aktuell ein vielversprechender neuer Zugang getestet: Anstatt bestimmte Moleküle einzeln zu detektieren, versetzt Infrarotlicht alle Komponenten einer Blutprobe gleichzeitig in Schwingung und erzeugt ein charakteristisches Spektrum – einen sogenannten Fingerprint. Für einen Arzt ist der Blick auf das Ergebnis einer solchen Messung allerdings nur wenig aufschlussreich. Um aus den subtilen Veränderungen in den Spektren konkrete Diagnosen abzuleiten, ist daher künstliche Intelligenz gefragt.
„Bei solchen vibrationsspektroskopischen Daten ist KI praktisch unerlässlich“, sagt Thomas Bocklitz, der am Leibniz-Institut für Photonische Technologien die Abteilung für Photonic Data Science leitet. Ein zentraler Punkt seiner Forschung ist es, komplexe optische Daten – wie zum Beispiel Spektren von Blutproben – mit Methoden des maschinellen Lernens in für Menschen lesbare Informationen zu übersetzen. „In der Regel gibt es dafür nämlich keine klaren kausalen Erklärungen mehr, die eine bestimmte molekulare Schwingung einer bestimmten Krankheit zuordnen könnten.“
Infrarotspektroskopie basiert darauf, dass die Schwingungen zwischen den einzelnen Atomen eines Moleküls zwar alle im infraroten Bereich des elektromagnetischen Spektrums liegen, also jenem Teil davon, den wir als Wärmestrahlung wahrnehmen. Die genaue Frequenz der einzelnen Schwingungen hängt aber von den speziellen Eigenschaften der jeweiligen Bindung ab, also etwa davon, welche Arten von Atomen miteinander verbunden sind und welche anderen, benachbarten Atome noch Einfluss auf die Schwingung nehmen. Werden, wie bei der IR-Spektroskopie üblich, alle möglichen Schwingungen gleichzeitig angeregt, entsteht ein wildes Durcheinander pulsierender Bindungen, die sich in den Spektren überlagern. Bei komplexen Proben wie Blutserum ist es deshalb schwierig, aus einem gemessenen Spektrum direkte Rückschlüsse auf die genaue Zusammensetzung zu ziehen.
KI erkennt Spektren-Muster
„Das maschinelle Lernverfahren muss selbst herausfinden, welche Informationen in einem Fingerprint relevant sind, um eine bestimmte Diagnose zu treffen“, erklärt Bocklitz. Bisher hatten Mediziner bei diagnostischen Markern, die auf herkömmliche Weise aus Blutproben gewonnen werden und auf bestimmte Erkrankungen hindeuten, in der Regel zumindest ein gewisses biochemisches Verständnis der Zusammenhänge. Die neuen, spektroskopischen Verfahren liefern dagegen nur den gesamten Fingerprint, in dem eine KI dann nach charakteristischen Mustern sucht. Die genaue Natur der Zusammenhänge bleibt dabei im Dunkeln und ist in der Regel auch für die Entwickler der KI nicht nachvollziehbar.





