1653, als eine Siedlung auf der Insel Manhattan noch “Neuamsterdam” hieß und zur holländischen Kolonie “Neuniederland” mit ihrem Gouverneur Peter Stuyvesant gehörte, ließ dieser zum Schutz der Siedlung vor Angriffen der Indianer im südlichen Teil der Insel einen Erdwall aufschütten. Nachdem die Engländer die Kolonie 1664 erobert und in New York umbenannt hatten, wuchsen Bevölkerung und Wirtschaftskraft der Stadt. Im 18. Jahrhundert wurde es Brauch, daß sich die ansässigen Kaufleute und Kapitalanleger in der Gegend der Wall Street, der Straße entlang des Walls, trafen, zunächst um mit den in Europa begehrten Artikeln – vor allem Pelze, Rohstoffe und Tabak – zu handeln, Grundstückgeschäfte zu betreiben und Währungen zu tauschen. Sie waren vor allem niederländischer und britischer Herkunft. Dies war kein Zufall. Denn in ihren Herkunftsländern war der Kaufmannskapitalismus, der dem Industriekapitalismus voranging, schon im 16. und 17. Jahrhundert zu höchster Blüte gelangt. Im 17. Jahrhundert gab es dort bereits Börsen, auf denen nicht nur Wechsel in vielen europäischen Währungen, sondern auch Staatsanleihen und die gestückelten Anteile (= Aktien) an den großen Handelskompanien notiert wurden. Während in den britischen Kolonien in Nordamerika Kaufleute noch ganz auf den Handel mit materiellen Gütern spezialisiert waren, betätigten sich die erfolgreichsten Geschäftsleute in Europa bereits im Bankgeschäft. Die Gründung der USA 1789 brachte für die Wall Street-Kaufleute eine entscheidende Wende. Der Unabhängigkeitskrieg hatte der neuen Bundesregierung einen riesigen Schuldenberg hinterlassen, den sie aus Steuereinnahmen allein nicht tragen konnte. Sie plazierte deshalb 80 Millionen Dollar Bundesanleihen in New York, wo der neue Kongreß 1789 und 1790 seine ersten Sitzungen abhielt, sowie in anderen bedeutenden Handelszentren wie Philadelphia, Boston, Baltimore und Charleston. Der geschäftliche Schwerpunkt der Wall Street verlagerte sich seitdem vom Warenhandel zum Finanzgeschäft. Wichtigster Partner der Bundesregierung in Finanzgeschäften war die 1791 gegründete Erste Bank der Vereinigten Staaten, die ihren Hauptsitz zwar in Philadelphia nahm, aber auch Niederlassungen in New York und anderen wichtigen Ostküstenstädten unterhielt. Daß ihr Aktienkapital hauptsächlich im Ausland, vor allem England, plaziert wurde, zeigt die schon damals internationale Vernetzung des amerikanischen Kapitalmarkts. New York entwickelte sich schnell zu einem Zentrum für Finanzdienstleistungen. An der Wall Street entstand der erste aktive Markt für den Handel mit Anleihen und Aktien der nun auch in den USA gegründeten Aktiengesellschaften. Die im Wertpapierhandel tätigen Geschäftsleute – die ehemaligen, zu Reichtum gelangten Kaufleute – teilten sich in Auktionatoren und Wertpapierhändler, die noch heute übliche Einteilung in Börsenmakler und Börsenhändler. Zunächst fand der Wertpapierhandel noch am Straßenrand und in Kaffeehäusern der Wall Street-Gegend statt. Bereits im Frühjahr 1792 erlebte die Wall Street jedoch ihren ersten Crash mit dem Bankrott des Großinvestors William Duer, der spekulative Positionen mittels großer Kredite aufgebaut hatte. Händler und Auktionatoren erkannten, daß Vertrauen in den Markt nur durch eine Verbesserung der Standards wiedergewonnen werden könne. Unter einer Platane (buttonwood), auf dem heutigen Grundstück 68 Wall Street, schlossen sie im Mai 1792 den Buttonwood-Vertrag. Der Wertpapierhandel sollte nun mit vorgeschriebenen Handelszeiten und einer festgelegten Mindestprovision von 0,25 Prozent in Tontine’s Kaffeehaus an der Wall Street stattfinden. Die Manipulation der Kurse und der Provisionen war zuvor ein großes Ärgernis für die Kunden gewesen. Der Vertrag war die erste umfassende Regulierung des Wertpapiermarkts an der Wall Street. Sie wurde zwar von den privaten Händlern eingeführt, war aber letztlich dem Druck des Gesetzgebers des Staates New York zu verdanken, denn dieser hatte kurz vorher entschieden, daß der Verkauf von Anleihen des Bundes und des Staates New York auf den ungeordneten Auktionsveranstaltungen an der Wall Street nicht mehr zulässig sei. Nach dem Crash von 1792 wurden für einige Jahre fast nur Regierungsanleihen an der Wall Street gehandelt. Erst 1798 kam mit der New York Insurance Company wieder eine private Emission an den Markt, aber bis zum Ausbruch des Krieges mit England (1812–1815) waren Aktien und Anleihen von Bankaktiengesellschaften mit Notenausgaberecht und von Versicherungsgesellschaften die einzigen Wertpapiere, die neben den Regierungsanleihen an der Wall Street gehandelt wurden. 1817 gründeten die Unterzeichner des Buttonwood-Vertrags den New York Stock and Exchange Board, der 1863 in New York Stock Exchange (NYSE) umbenannt wurde. Seine Mitglieder verpflichteten sich auf noch präzisere Handelsregeln; nur erstklassige Wertpapiere wurden zum Handel zugelassen. Der ungeregelte Markt auf der Straße sollte aber noch mehr als hundert Jahre existieren. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Philadelphia der wichtigste Finanzplatz der USA. Als der Staat Pennsylvania jedoch die Tätigkeit der zahlreichen Privatbankiers verbot, die im Gegensatz zu den Bankaktiengesellschaften keine staatliche Gründungslizenz benötigten, wanderten diese nach New York ab. So etwa Brown Brothers & Co, das 1810 in Philadelphia tätig geworden und seit 1825 in New York präsent war und das noch heute als Brown Brothers Harriman zu den wenigen Bankhäusern im privaten Familienbesitz gehört. Als 1825 mit dem Erie-Kanal neue Verkehrsverbindungen für New York eröffnet wurden und die Zweite Bank der Vereinigten Staaten in Philadelphia in den 1830er Jahren ihre Geschäfte einstellte, stieg New York zum bedeutendsten Finanzplatz des Landes auf…





