Durchzogen wird die gesamte Affäre seit ihrem Beginn von einer Konstanten: Beide Seiten pauschalisieren und spielen mit ideologischen Begriffen. Filbinger sei ein Gegner des NS-Regimes gewesen, behauptete Oettinger. Seine Kritiker werfen dem ehemaligen Landesvater dagegen vor, ein Blutrichter der Nazis gewesen zu sein. Fast scheint es, als beschäftige die Angelegenheit die bundesdeutsche Öffentlichkeit zum ersten Mal. Dass die Diskussion bereits Ende der 70er Jahre geführt und der Sachverhalt von der Wissenschaft inzwischen lückenlos aufgearbeitet wurde, stört die Erregten keineswegs.
Kaum öffentlich zur Kenntnis genommen wurde ein Buch, das bereits im September 2006 erschienen ist und das in knapper Form nicht nur den „Fall Filbinger“ auf der Grundlage der historischen Fakten darstellt, sondern sich unter anderem auch mit der Wehrmachtsgerichtsbarkeit im Allgemeinen, den Konstanten in den Karrieren der deutschen NS- und Nachkriegsjuristen und dem „Studienzentrum Weikersheim“ beschäftigt. Herausgegeben hat den Band, der in der Qualität seiner Beiträge ebenso vielfältig ist, wie es ein Blick ins Autorenverzeichnis vermuten lässt, der renommierte Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette. Beachtliche Beiträge haben außerdem der Experte für NS-Militärjustiz Manfred Messerschmidt und seine Historikerkollegen Ricarda Berthold und Helmut Kramer beigesteuert. Der Jurist Joachim Perels besticht in seinem Aufsatz über die „Umdeutung der NS-Diktatur in einen Rechtsstaat“ durch argumentative Stringenz und eine verständliche Sprache. Der Journalist Anton Maegerle deckt in seinem Beitrag Verbindungen des Weikersheimer Studienzentrums zur MUN-Sekte sowie einem obskuren esoterisch-rechtslastigen „Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis“ auf. Nur die etwas einseitige und polemische Darstellung des Journalisten Walter Mossmann trübt den guten Gesamteindruck etwas.
„Filbinger. Eine deutsche Karriere“ erklärt nicht nur im Detail die Umstände, die im März 1945 zu der von Filbinger geforderten und überwachten Erschießung des Matrosen Walter Gröger führten, sondern zeigt auch auf, wie Funktionäre der NS-Diktatur nach dem Krieg schnell wieder in leitende Funktionen der Bundesrepublik zurückkehrten. Alles in allem ist der Sammelband sehr informativ, wenn auch die Polemik Mossmanns die richtige Gesamtthese des Bandes unnötig schwächt. Den Verfassern der zahlreichen Leserbriefe sei er trotzdem wärmstens empfohlen.
Rezension: Habermehl, Alex




