Von Elena Bernard
Wenn im Frühling die Tage länger werden, die Temperaturen steigen und die Bäume frische grüne Blätter bekommen, beginnt die Zeit der Tierkinder. Vogelküken schlüpfen aus ihren Eiern, Lämmchen tollen über die Weiden, und im Wald tummeln sich Rehkitze, Frischlinge und junge Füchse. Sie werden hineingeboren in eine Phase mit reichlichem Nahrungsangebot und guten klimatischen Bedingungen zum Aufwachsen. Für die Jungtiere und ihre Mütter ist dieses Timing lebenswichtig. Denn nur gut genährte Tiermütter sind in der Lage, ausreichend Milch für den Nachwuchs zu produzieren – oder, im Falle von Vögeln, unermüdlich Futter herbeizuschaffen, um die hungrigen Schnäbel der Küken zu stopfen.
Doch woher wissen die Tiere, wann sie sich paaren müssen, damit ihr Nachwuchs genau zur passenden Zeit geboren wird? Die optimale Paarungszeit variiert je nach Tierart und hängt von der jeweiligen Tragzeit ab. Als Faustregel gilt dabei: Je größer das Tier, desto länger die Schwangerschaft und desto länger dauert es, bis die Jungtiere ausgewachsen sind. Bei Mäusen, Kaninchen und Hasen vergeht nur etwa ein Monat zwischen Befruchtung und Geburt, bei Hirschen dagegen dauert die Schwangerschaft fast acht Monate. Während es also bei vielen kleinen Tieren im zeitigen Frühjahr hoch hergeht und dank der schnellen Entwicklung des Nachwuchses sogar mehrere Würfe pro Jahr möglich sind, beginnt für Hirsche die Brunftzeit erst im Herbst. Paaren sie sich zu früh, werden die Jungtiere im Winter geboren, wenn die Überlebenschancen gering sind. Erfolgt die Paarung dagegen zu spät, kommen die Jungtiere erst im Laufe des Sommers zur Welt und haben weniger Zeit, groß zu werden, bevor der folgende Winter beginnt.
Orientierung an der Tageslänge
Um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, orientieren sich die meisten sogenannten Seasonal Breeders, also Tiere mit saisonaler Fortpflanzung, an der Tageslänge. Anders als die Temperaturen, die auch im Winter außergewöhnlich warm oder im Sommer untypisch kalt sein können, bieten die jahreszeitlich schwankenden Lichtverhältnisse einen zuverlässigen Anhaltspunkt. Das über die Augen wahrgenommene Licht aktiviert in der Hirnanhangdrüse, der sogenannten Hypophyse, eine Reihe von Prozessen. Komplexe Verschaltungen sorgen dafür, dass sie bei einem bestimmten Tag-Nacht-Verhältnis beginnt, zwei wichtige Geschlechtshormone auszuschütten: das luteinisierende Hormon LH und das Follikel-stimulierende Hormon FSH. Diese beiden Hormone lassen bei den männlichen Tieren die Hoden wachsen und kurbeln die Spermienproduktion an. Bei weiblichen Tieren sorgen sie dafür, dass es zum Eisprung kommt. Welche Tageslängen diese Reaktion auslösen, ist von Spezies zu Spezies unterschiedlich.
Bei sogenannten Long Day Breeders, die sich im Frühling und Sommer paaren, geben länger werdende Tage den Startschuss für die Paarungszeit; bei Short Day Breeders, deren Brunftzeit im Spätsommer und Herbst liegt, sind es dagegen die kürzer werdenden Tage.





