von PATRICK VETTER
Es ist Nacht in den europäischen Alpen. Dunkle Bergsilhouetten heben sich vor dem Horizont ab, und die Sterne liegen als helle Punkte darüber. Zwischen den Gipfeln wehen starke Winde. Mittendrin: ein Totenkopfschwärmer mit einem Ziel. Der Falter überquert die Alpen von Norden nach Süden. Wie er dabei ohne Karte und GPS seinen Kurs hält, ist ein Rätsel. Neueste Technik, Virtual-Reality-Systeme für Insekten und ultraleichte Sender könnten Licht ins Dunkel der nächtlichen Migration bringen.
Wanderungen von Insekten sind auf der Populationsebene häufig gut verstanden. Forschende können beobachten, wann Tiere in welchem geografischen Raum zu finden sind. Große Schwärme machen sich bemerkbar, wenn sie auftauchen, aber auch, wenn sie plötzlich verschwinden. Über das Verhalten der einzelnen Tiere ist allerdings erstaunlich wenig bekannt. Dabei ist längst klar: Insekten navigieren selbstständig durch eine komplexe Umwelt und finden Ziele über weite Entfernungen. Sie kombinieren Sinneseindrücke wie Gerüche und chemische Signale, visuelle Wahrnehmungen, Horizontlinien, Windeinflüsse und einige mehr, um exakte Routen zu verfolgen. Das alles gelingt ihnen mit einfachsten Mitteln: Sie haben nur wenige Hunderttausend Neuronen, während dem menschlichen Gehirn rund 86 Milliarden zur Verfügung stehen.

Die Falter fliegen in der künstlichen Realität teilweise lange Strecken auf ihren realen Migrationsrouten. Ist eine Session zu Ende, wird das Tier aus der Box geholt und kann die Reise beim nächsten Mal an derselben Stelle fortsetzen. — © Pavan Kumar Kaushik
Einige Falterarten sind für ihre weiten Wanderungen bekannt. In Amerika ziehen Monarchfalter in großen Schwärmen durchs Land. In Europa lassen sich Distelfalter Tausende Kilometer vom Wind tragen. Ein weiteres besonderes Beispiel sind die Totenkopfschwärmer. In Afrika, auf einigen mediterranen Inseln sowie in Südspanien kommen sie das ganze Jahr vor. In den Sommermonaten findet man sie auch in Mitteleuropa und in Deutschland. Dafür legen sie zielgerichtete Wanderungen zurück. Die Falter leben nur einige Wochen. Das bedeutet, dass die Rückreise nach Afrika frühestens in der nächsten Generation erfolgt. Bisher ist völlig unbekannt, wann die Tiere wissen, dass es Zeit ist, aufzubrechen, und wie sie ihren Weg finden.
Die Navigation dieser Falter zu erforschen ist schwierig. Sie in freier Wildbahn im Flug zu beobachten und zu verfolgen, ist nur begrenzt möglich. Deshalb haben sich Forschende spannende Alternativen ausgedacht. Im Keller des Max-Planck-Instituts auf dem Gelände der Universität in Konstanz forscht ein kleines Team an einem einmaligen System: einer künstlichen Realität oder Virtual Reality (VR) für Insekten. In einer simulierten Welt können sich die Totenkopfschwärmer frei bewegen – unter genauester Beobachtung der Wissenschaftler. So erhofft sich das Team in der Abteilung für Kollektivverhalten von Ian Couzin Erkenntnisse über die individuelle Routenplanung der Falter. Sind die Sterne wichtig für die Navigation der nachtaktiven Fluginsekten? Folgen sie doch eher einzelnen Tälern und Flussläufen? Peilen sie eine grobe Himmelsrichtung an und halten sich dann einfach links oder rechts von markanten Gebirgszügen? Die Gruppe hat bereits einige Hinweise zur Beantwortung dieser Fragen. Bisher stand allerdings der methodische Teil, also die technische Umsetzung, im Vordergrund. Inzwischen sind große Hürden dabei genommen.









