Um den hungrigen Blicken von Räubern zu entgehen, hat eine Gruppe der Schmetterlinge im Lauf der Evolution ihre Aktivität in den Schutz der Dunkelheit verlagert. Doch dort blieben die Nachtfalter nicht sicher – ihnen folgten raffinierte Jäger mit einer hochentwickelten Technologie: Statt auf ihre Augen verlassen sich Fledermäuse bei der Jagd in der Dunkelheit auf ihr Biosonar. Sie stoßen dazu hochfrequente Schreie aus, die vom Körper der Insekten reflektiert werden. Durch die feinen Echos können sie ihre Beutetiere präzise orten und geschickt aus der Luft schnappen. Doch die Nachtfalter blieben keine hilflosen Opfer. Wie bei anderen Räuber-Beute-Verhältnissen im Tierreich hat sich im Laufe der Evolution ein Wettrüsten entwickelt: Forscher haben bei unterschiedlichen Nachtfalterarten bereits verschiedene Strategien gegen Fledermaus-Angriffe nachgewiesen. Einige reagieren etwa auf die Laute der Fledermäuse durch clevere Ausweichmanöver.
Flügelstrukturen im Visier
Doch es sind auch bereits akustische Schutzstrategien bekannt: Die Flügelschuppen einiger Nachtfalterarten absorbieren auf raffinierte Weise Ultraschalllaute, sodass sie die Insekten in eine Art akustischen Tarnmantel hüllen. Andere sorgen hingegen gezielt für strategische Auffälligkeit: Manche Vertreter aus der artenreichen Gruppe der Seidenspinner besitzen schleppenartige Fortsätze unten an den Flügeln. Diese oft gewundenen Gebilde erzeugen besonders starke Echos. Dadurch schnappen Fledermäuse eher nach diesen Anhängseln und nicht nach dem Körper, sodass ein Überlebensvorteil für die Falter entsteht.
“Es gibt allerdings viele Seidenspinner, die diese Schleppköder nicht besitzen“, sagt Thomas Neil von der University of Bristol. Aber offenbar verzichten auch diese Nachtfalter nicht auf akustischen Schutz, wie er und seine Kollegen nun verdeutlichen. „Bei unseren Untersuchungen entdeckten wir zunächst, dass viele Seidenspinnerarten ohne Schleppen geriffelte oder gefaltete Strukturen an den Spitzen ihrer Vorderflügel aufweisen. So gingen wir der Frage nach, ob auch diese Strukturen als akustischer Köder dienen könnten, um Angriffe von Fledermäusen zu vereiteln“, sagt Neil. Die Forscher setzten dazu ein innovatives akustisches Tomographie-Analyseverfahren ein. So konnten sie die Echos verschiedener Nachtfalterarten aus tausenden von Winkeln aufzeichnen und die akustischen Merkmale analysieren.
Akustische Raffinesse aufgedeckt
So zeigte sich: Bei Beschallung mit Fledermaus-Frequenzen erzeugten die strukturierten Flügelspitzen deutlich stärkere Echos als die Körper der Nachtfalter. Dieser Effekt war sogar intensiver als bei den akustischen Schleppködern der anderen Arten, berichten die Forscher. Sie entdeckten dabei auch, dass die feinen Strukturen den Schall gezielt zu seinem Ursprungsort zurückwerfen. Die Falten und Wellen erzeugen während des gesamten Flügelschlagzyklus des Nachtfalters und aus den meisten möglichen Angriffsrichtungen von Fledermäusen die stärksten Echos an den Flügelspitzen des Insekts.





