Geologisch gesehen ist der Mond eigentlich ein langweiliges Objekt: Vor zwei Milliarden Jahren brach der letzte Vulkan aus, seitdem verändert sich die Oberfläche höchstens noch durch Meteoriteneinschläge. Die Totenstarre des Trabanten hat aber auch ihre Vorteile: Die Narben und Schrammen, die der Mond während seiner bewegten Jugendzeit davongetragen hat, sind mit den Augen moderner Satelliten heute noch zu sehen, wie Stefan Peters von der Universität Amsterdam am Mittwoch auf dem Europäischen Kongress für Planetenforschung in Potsdam berichtete.
Eine besonders turbulente Zeit erlebte der Mond vor gut vier Milliarden Jahren. Damals stießen mehrere riesige Meteoriten mit dem kleinen Himmelskörper zusammen und hinterließen gewaltige Krater auf der Oberfläche. Da die Kruste auf der erdzugewandten Seite des Mondes dünner war als auf der erdabgewandten Seite, entstanden dort häufig Risse, durch die flüssiger Basalt an die Oberfläche quoll. Die Becken liefen daraufhin mit Lava voll: Die dunklen “Meere” (lateinisch: Maria) entstanden. Häufig sind die großen Einschlagkrater auch bei Schweremessungen gut zu erkennen: Das Schwerefeld des Mondes hat dort eine Delle, weil sich unter den Kratern besonders schweres Gestein befindet. Den Massenüberschuss nennen Planetenforscher “Mascon”.
Peters untersuchte zusammen mit Kollegen zwei unterschiedliche Strukturen: Das “Meer der Stürme”, Oceanus Propellarum, ein unregelmäßig geformtes Becken, entstand wahrscheinlich nicht direkt durch einen Einschlag. Die Forscher stellten fest, dass die geologischen Bruchzonen nicht rund um das Becken angeordnet sind, wie es im Falle eines Einschlags zu erwarten wäre. Stattdessen liegen sie bevorzugt in Nord-Süd-Richtung. Peters und seine Kollegen nehmen daher an, dass sie durch Spannungen entstanden sind, die von vulkanischer Aktivität im Meer der Stürme hervorgerufen wurde. Im Oceanus Propellarum ist der jüngste Basalt des Mondes zu finden. Der Vulkanismus endete dort vor zwei Milliarden Jahren.
Das Mare Humorum dagegen ist ein typischer Einschlagkrater, stellten die Forscher fest: Rund um den Krater bildeten sich so genannte Grabenstrukturen, die von einem Mascon hervorgerufen wurden. Die Forscher entdeckten dort auch erstmals auf dem Mond Bruchzonen, an denen zwei Bruchstücke der Kruste seitlich aneinander vorbei glitten, sogenannte Transformstörungen. Auf der Erde entstehen diese durch die Plattentektonik, ein Beispiel ist die San-Andreas-Störung in Kalifornien. Auf dem Mond gab es jedoch vermutlich nie tektonische Platten, die sich auf der Oberfläche verschoben. Die Strukturen müssen daher durch einen anderen Vorgang entstanden sein.
Die Forscher kombinierten für ihre Untersuchung die Aufnahmen der Kamera von Smart-1 und Schweremessungen der Nasa-Sonde Clementine. Die Mission von Smart-1 endete vor einem Jahr: Die Sonde schlug auf dem Mond ein ? und erzeugte ihren eigenen kleinen Krater.
Stefan Peters (Vrije Universiteit Amsterdam): Vortrag auf dem Europäischen Kongress für Planetenforschung, Potsdam Ute Kehse





