Besonders eindrücklich illustriert wird dieser Ansatz durch die Entdeckung des ersten Hormons. Blenden wir daher im Geiste zurück in den Januar des Jahres 1902: In diesen winterlichen Tagen arbeiten sich der Physiologe William Bayliss und sein Schwager, der Mediziner Ernest Starling, in einem kleinen Labor des University College London durch eine Reihe von Versuchen zur Erforschung des Verdauungssystems von Hunden. Insbesondere interessieren die beiden sich für den Mechanismus, durch den die Bauchspeicheldrüse Enzymsäfte absondert, sobald teilverdaute Nahrung in den Dünndarm gelangt.
Für eines ihrer Experimente binden die beiden Schwäger den Zwölffingerdarm eines Hundes an beiden Enden ab und entfernen davon alle Nerven. Die Darmschlinge ist also nur noch durch Arterien und Venen mit dem restlichen Darm des Tieres verbunden. In diesen abgebundenen und „entnervten“ Teil applizieren sie nun eine schwache Salzsäure, wodurch sie die Anwesenheit teilweise verdauter Nahrung nachahmen.
Das damalige Dogma, dass Signale von einem Teil des Körpers nur über das Nervensystem an einen anderen gelangen können, ist Bayliss und Starling bewusst. Folglich erwarten sie, dass die Bauchspeicheldrüse trotz „Nahrung“ im Zwölffingerdarm keinerlei Enzymsaft absondern würde. Umso erstaunter sind die beiden, als der Bauchspeicheldrüsen-Saft trotzdem genauso fließt wie im intakten Darm.
Mysteriöse Signalgeber
Bayliss und Starling erscheint nur ein Szenario plausibel: Der Darm sendet über einen bisher unbekannten Mechanismus mit dem Blutfluss ein Signal an die Bauchspeicheldrüse. Umgehend schaben sie daher etwas Schleimhaut aus dem abgebundenen und mit Salzsäure behandelten Zwölffingerdarm ab und injizieren sie als Homogenat direkt in die Blutbahn. Wieder fließt der Bauchspeicheldrüsen-Saft. Damit ist endgültig klar: Die Schleimhaut muss einen „Faktor“ enthalten, der über das Blut zur Bauchspeicheldrüse gelangt und dort als Botenstoff die Saftproduktion anwirft.
Bayliss und Starling nannten den „Schleimhaut-Faktor“ damals Sekretin – und hatten damit das erste Hormon überhaupt als solches erkannt. Zwar sparten sie sich die aufwendige Prozedur, das Sekretin aus dem Schleimhautgewebe zu reinigen und es somit chemisch darzustellen (dies sollte überhaupt erst 1961 gelingen). Dennoch war es Starling, der drei Jahre später für das generelle Konzept der mit dem Blut transportierten Botenstoffe den Begriff „Hormon“ prägte – abgeleitet von dem griechischen Verb „hormaein“, was so viel wie „anregen“ oder „in Bewegung setzen“ bedeutet. (Das erste Hormon, dessen chemische Struktur nach erfolgreicher Reinigung bestimmt werden konnte, war übrigens nahezu zeitgleich das Adrenalin.)
Nichtsdestotrotz wurden andere bioaktive „Faktoren“ auf diese Art schon viel früher „gefischt“. Denken wir nur an die Extrakte aus Weidenrinde. Griechen, Römer, Germanen: Von allen ist überliefert, dass sie den Saft gekochter Weidenrinde gegen Schmerzen und Fieber einnahmen. 1828 isolierte der Apotheker Johann Buchner schließlich den „lindernden Faktor” aus Weidenrinden-Extrakt und identifizierte ihn als Salicin. Allerdings wird dieser Stoff erst im Körper zur tatsächlich wirksamen Salicylsäure umgesetzt – die bekanntlich die Vorlage zur Entwicklung von Acetylsalicylsäure alias Aspirin war.





