Aber manchmal juckt die Haut auch scheinbar grundlos, besonders häufig an Kopf, Arm oder Rücken. Lange Zeit nahmen Wissenschaftler an, das sei eine Art milder Schmerzreiz, doch heute weiß man, dass es sich um eine eigenständige Sinneswahrnehmung handelt. Denn Schmerz- und Juckreiz werden über getrennte Nervenfasern ins Zentralnervensystem geleitet, wobei sie sich wechselseitig beeinflussen. Das belegt schon die Tatsache, dass sich das Jucken bei bestimmten Krankheiten – etwa bei Neurodermitis oder Nesselsucht, aber auch nach einem Insektenstich – ins Unerträgliche steigern kann, ohne dass die Empfindung in ein Gefühl heftigen Schmerzes umschlägt. Umfangreiche wissenschaftliche Experimente des Neurologen Hideki Mochizuki von der Universität Osaka haben das bestätigt: Bei Probanden wurde auf elektrischem Weg ein Juckreiz ausgelöst und dessen Stärke immer mehr gesteigert, ohne dass die Juckempfindung in echten Schmerz übergegangen wäre. Auch unser Verhalten ist bei Juckreiz anders als bei Schmerzen: Tut etwas weh, versuchen wir reflexartig, der Schmerzquelle zu entkommen. Juckt es dagegen, fangen wir unwillkürlich an zu kratzen.
Dass das zumindest kurzfristig hilft, ist unbestritten. Ganz besonders wird einem das bewusst, wenn es an einer Stelle am Rücken juckt, die sich mit der Hand nicht erreichen lässt. Wenn dann eine andere Person exakt an der richtigen Stelle kratzt, ist das ein herrliches Gefühl der Erleichterung. Doch leider hält der wohltuende Effekt in der Regel nicht lange an. Warum das so ist, war Gegenstand einer Studie des Anästhesiologen Zhao Zhon-Qiu von der Washington University. Ergebnis: Das Kratzen auf der Haut löst ein leichtes Schmerzgefühl aus, das den Juckreiz überdeckt, ihn jedoch nicht zum Verschwinden bringt. Vielmehr drängt er sich sofort wieder in den Vordergrund, sobald der Kratzschmerz nachlässt – was einen geradezu zwanghaft dazu veranlasst, sich durch erneutes Kratzen davon zu befreien.
Doch das hilft leider nur sehr bedingt. Laut den amerikanischen Wissenschaftlern liegt das daran, dass jeder Schmerzimpuls, den die Nerven an das Gehirn übermitteln, dort die Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin auslöst. Der sensibilisiert die Nervenzellen – mit dem Ergebnis, dass Informationen verstärkt weitergeleitet werden. Und da das infolge des Kratzens im Gehirn freigesetzte Serotonin mit der Zeit das Rückenmark erreicht, werden Empfindungen von dort intensiver ans Gehirn übermittelt – auch das Jucken. Das wird also durch ständiges Kratzen eher verstärkt als gemildert oder gar beseitigt.





