Derartige Fragestellungen können jedoch zu mehr dienen als nur zur Anregung persönlicher Kreativität. Das zeigt der emeritierte Althistoriker und Kulturwissenschaftler Alexander Demandt bei seinem Versuch, die deutsche Geschichte neu zu schreiben. Er definiert dabei neben bekannteren Beispielen, wie den oben genannten, bisher kaum bedachte, aber in ihrer Wirkung bedeutsame historische Wendepunkte. Bereits geringfügige Verhaltensänderungen der beteiligten Akteure hätten an diesen Punkten zu einem alternativen, teils sogar konträren Geschichtsverlauf führen können. Ohne Konrad Adenauer, dessen Wahl zum ersten Kanzler der Bundesrepublik nur durch seine eigene Stimme gelang, wäre laut Demandt beispielsweise Frankfurt am Main heute Sitz der Regierung und Deutschland wahrscheinlich noch nicht lange Mitglied der NATO. Hätte Gorbatschow vor den Westmächten seine Zustimmung zur Wiedervereinigung gegeben, wäre diese unter anderem mit der deutschen Verpflichtung zur Neutralität einhergegangen. Mittels solcher Details verweist der Autor erfolgreich darauf, wie wenig selbstverständlich der tatsächliche Verlauf der Geschichte war, dass Katastrophen durchaus vermeidbar und vertane Chancen nutzbar gewesen wären. Neben der unterhaltsamen Komponente dieses Buches gelingt es Demandt, die alternative Geschichtsschreibung als wirkmächtige Methode zur kritischen Reflexion der eigenen Zeit und ihrer Geschehnisse zu präsentieren.
Rezension: Daniel Tuttenuj




