Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Frau Prof. Schäfer, ab wann sprechen Sie vom „alternden Gehirn“?
Im Grunde genommen altert das Gehirn, sobald wir aufhören zu wachsen. Der Alterungsprozess fängt also fast mit der Geburt oder spätestens in der Adoleszenz an. Deswegen kann alles, was wir auch schon in frühen Jahren machen, Auswirkungen auf den Alterungsprozess unseres Gehirns haben. Das heißt aber ebenso, dass Altern kein negativer Prozess ist. Im Gegenteil, denn wenn Nervenzellen sich verbinden, wenn wir lernen, bedeutet es, dass wir schlauer werden, Erfahrungen sammeln und die richtigen Entscheidungen für unser Leben treffen.
Was wirkt sich positiv auf die Gesundheit des Gehirns aus?
Das Gehirn lässt sich mit einem Muskel vergleichen: Es muss genutzt werden, um aktiv zu bleiben. Es wirkt sich außerdem positiv auf das Gehirn aus, was generell gut für die Gesundheit ist: kein Alkohol, eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung.
Warum hält uns Bewegung fit im Kopf?
Sport regt die Durchblutung an und sorgt mittels Hormonen dafür, dass die Verbindungen zwischen den Nervenzellen gestärkt werden. Es mehren sich außerdem die Hinweise, dass es ein paar Regionen in unserem Gehirn gibt, wo sogar neue Neuronen gebildet werden – auch das scheint Sport positiv zu beeinflussen.
Gibt es einen Zeitpunkt im Leben, an dem wir mit Blick auf unsere Gehirngesundheit besonders achtsam sein sollten?
Ein kritisches Alter ist so um die 65. Wer aus dem Arbeitsleben ausscheidet, muss sich selbst um Stimulationen fürs Gehirn kümmern. Idealerweise verliert man nie den Spaß am Lernen, denn das hält die Neuronen aktiv. Es ist dabei egal, ob man am Computer Schach spielt oder ob man rausgeht und sich die Namen der Frühlingsblumen merkt. Neben den Lernprozessen haben soziale Kontakte einen großen positiven Wert für die Gesundheit des Gehirns.
Wie lange lässt sich geistige Fitness erhalten?
Wir werden mit Nervenzellen geboren – und sie haben kein Verfallsdatum. Lange Zeit war die Vorstellung, dass die Zellen in unserem Körper nur so lange gesund sein können, wie unsere Lebensspanne angelegt ist. Beim Menschen beläuft sich die maximale Lebensspanne im Moment auf, sagen wir, um die 120 Jahre. Mit Transplantationen von Nervenzellen im Tiermodell haben wir herausgefunden, dass die Vorstellung gar nicht stimmt. So kann die Nervenzelle einer Maus mit der Lebensspanne von zwei Jahren im Gehirn einer Ratte vier oder fünf Jahre lang leben. Ich hatte das Glück, mit sehr vielen älteren Wissenschaftskollegen in den USA zu arbeiten. Sie führten etwa mit 100 Jahren noch immer brillante Diskussionen und hatten den Willen, Neues zu lernen. Im Prinzip gibt es kein Limit, keinen Grund, nicht bis ins hohe Alter kognitiv aktiv zu bleiben. Warum es bei einigen Menschen zu frühzeitigen Alterserscheinungen kommt, versuchen wir in der Forschung nach und nach besser zu verstehen. Infektionen etwa lassen sich nicht verhindern und können der Gehirngesundheit nach neuesten Untersuchungsergebnissen auch langfristig schaden.





